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Angewandte Realitätsferne

Ein Blog über ERASMUS-Austausch mit Prag aus der Sicht eines Computerlinguisten (auch interessant für Linguisten und Informatiker und allgemein für Austauschstudenten in Prag).

Alphabetischer Index:
Caput RegniEinkaufen 1Einkaufen 2Einkaufen 3Essen 1Essen 2Essen 3
Essen 4Essen 5 Essen 6EUFußballGaiman was hereGeheimnamen
HandyHockeyInsiderwissen JosefovKino, Oper, MusikKleinkram John Lennon
Linux-ExpoMetroMetroMFF Mala StranaMondfinsternisMusikNo? No. No!
OrientierungOrientierung 2Park(en) erlaubtPost, Polizei, NahverkehrRadioSchein oder nicht ScheinSemesterbeginn
Sightseeing 1Sightseeing 2Sightseeing 3SpazierenStromausfallTelephon!Theater
Tschechisch 1Tschechisch 2Tschechisch 3Tschechisch 4Tschechisch 5Tschechisch 6Übungsgruppen
UngarninvasionUNIXWinterschuleWohnheimWohnheim 2Wohnheim 3Zusammenfassung

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 09.04. 2004: Essen 5 /\ 
 
... oder: Illegal Abendessen.

Wenn man im Restaurant schnelle tschechische Küche möchte, hält man sich am besten an den Hotovo-Teil der Speisekarte. Dies sind schon vorbereitete Gerichte, die nur noch warm gemacht werden müssen. Und zwar kein Fastfood, sondern Svièkova' (Lendenbraten, Sahne, Knödel), oder "Knedlo-zelo-vepøo" (das Knödelkrautschwein), jeweils mit viel Sauce. Das dumme sind nur die neuen Lebensmittelgesetze, nach denen vorbereitete Gerichte nicht länger als einen halben Tag vorher gemacht werden dürfen. Was praktisch heisst, dass es die "hotova jidla" nur noch bis 14 Uhr gibt. Offiziell. Libor hat einen genialen Trick entwickelt, auch Abends noch seine Tschechische Küche zu bekommen:

Erstens könne man akzeptabel gut bis ziemlich gut Tschechisch. Dann bestelle man ganz naiv etwas aus der nicht mehr gültigen Hotovo-Karte, und reagiere betrübt, wenn es die Abends nicht mehr gibt. Dann setze man einen Rehblick auf, und lasse durchscheinen, wie gerne man ein <einschleim> Tolles Tschechisches Abendessen(trademark) gehabt hätte, und was man denn da tun könnte? Der Wirt geht daraufhin nachdenklich in die Küche, und sieht dort (hoffentlich) im Kühlschrank noch die restlichen Teller, die er heute Mittag nicht mehr rechtzeitig losgeworden ist... Da es ja wie oben erwähnt Teil des Plans ist, nur gut, aber nicht perfekt Tschechisch zu sprechen, steht man außer Verdacht, ein Tester der Lebensmittelbehörde zu sein -- und so lässt sich da plötzlich doch "was machen"... :)

Typisch für die Restaurants sind übrigens die Strichlisten, die der Ober immer auf dem Tisch liegen lässt, wo notiert wird, was wie oft bestellt/schon bezahlt wurde. Wenn Du also ins Restaurant kommst, und einer sitzt da wie ein Schluck Wasser in der Kurve, und vor ihm ein Zettel mit 7 Strichen und sonst nichts, wundere Dich nicht -- Striche ohne Bezeichnung sind per Default Bier.
 
2008-08-26 14:39

 
 12.04. 2004: UNIX /\ 
 
Krass. So 'ne UNIX-Vorlesung bräuchten wir in Saarbrücken auch. Kann man für den Typen Untertitel kriegen? Wenn ich alles verstehen würde, wäre ich sicher schon der ultimative Hacker... Ihr kennt das ja, pipes, chmod, cut, sort, grep, eigentlich genau das, was wie in Saarbrücken in den letzten 5 Jahren gelernt haben -- als Stoff der ersten zwei Monate. Danach:

Wusstet Ihr z.B., dass stinknormale FTP-Clients eine Macrosprache besitzen? Steht groß und breit in der Man-page. In der Übungsgruppe sollten wir ein Shellskript schreiben, das, je nach Eingabe-Argumenten Macro-Dateien dynamisch erzeugt, FTP startet, die dir-Listings vergleichet, und dann irgendwas nach bestimmten Kriterien rauf- oder runterlädt.

Oder wusstet Ihr, dass Shellskripte ihre Prozess-ID kennen, und auch die der Subprozesse, die von innerhalb des Shellskripts mit & dahinter gestartet wurden? (Variablen $$, $!, $?) Das Skript kann z.B. seine Subprozesse oder sich selbst mit kill abschießen, wenn etwas zu lange dauert. Versucht man, sich die Prozess-ID des letzten Subprozesses mit "echo $?" ausgeben zu lassen, bekommt man allerdings immer nur die ID von dem "echo"-Prozess... ;-P (Lösung: $? erst an eine Variable binden, dazu wird kein Prozess gestartet.)

Das Kommando "find" entpuppte sich auch zur Eierlegenden Wollmilchsau: Man kann nicht nur Dateien nach verschiedenen Kriterien suchen (Name, Rechte, Typ) und diese Pfade ausgeben oder löschen lassen, sondern man kann mit der ausgegebenen Liste im Endeffekt alles machen, kombiniert man sie mit "-exec" oder "|xargs" (mit "{}" kann man auf das gefundene zurückgreifen). Garance hat damit ja auch schon rumexperimentiert. Die Kommandos "which" und "wheris" sind übrigens nur aliase auf "find"-Ausdrücke.

Oder ihr kennt doch die Shell-Tests (man test), die man z.B. für if-Verzweigungen benutzt? Es gibt davon doch die alternative Schreibweise, die Argumente mit Leerzeichen zwischen eckige Klammern zu schreiben (ist lesbarer). In UNIX basieren alle Befehle auf dem System von Kommandoname und Argumenten, wie implementiert man also diese Alternative am einfachsten? Man definiert "/usr/bin/[" als Hardlink auf "/usr/bin/test", und ignoriert das letzte Argument, wenn es "]" ist.

Mit dem Kommando "trap" (man bash) kann man definieren, wie Skripte während des Laufens auf Signale vom User, wie z.B. Strg-C oder Strg-\, reagieren sollen. Und im Allgemeinen weiss man ja, dass es sowas wie STDIN und STDOUT und - und Pipes gibt, was man damit nicht alles anstellen kann: Z.B. Um das aktuelle Verzeichnis eben mal kurz ohne scp auf den Mond zu schießen, verwendet man schlicht "tar cf - . | ssh mond tar xf -". Kurz, prägnant, effizient. :-)

Wenn man wirklich feine Shellskripte schreiben möchte, sollte man sich definitiv die Unterschiede zwischen Apostrophen, Akzentzeichen, Anführungstsrichen, eval und expr verinnerlichen... 8-| Es gibt sehr wilde Unterschiede in der Interpretation, z.B. wann Wildcards aufgelöst werden: Der Ausdruck "x=*;echo $x;" gibt zwar die Liste aller Dateien aus, x enthält aber trotzdem nur den Stern! (Christian hat schon einmal versucht, mir das zu erklären...)

Das ist also der UNIX-Einführungskurs. Ich möchte nicht wissen, was in der eigentlichen UNIX-Vorlesung gemacht wird...

PS: He, da fällt mir ein alter Witz ein: Definiert mal eine Funktion, z.B. mit dem Namen ":", nach folgendem Schema ":(){:;:};:" ... >:-D (aber bitte vorher alles speichern und "sync"en!)
 
2008-08-26 14:39

 
 19.04. 2004: Park(en) erlaubt /\ 
 
Als Tourist sieht man von Prag erst mal die stark befahrenen Plätze und Straßen, drumherum graue Mauern und Hauswände. Dass dahinter z.T. ganze Parks versteckt sind, merkt man erst nach 2 Monaten. :-o Einer davon, Frantiskánská Zahrada, ist mit etwas Geschick über die Svetozor-Passage zu finden, er verbindet den Wenzelsplatz mit dem Jungmannovo Nam.

Den zweiten Geheimpark, Valdstejnská, haben die meisten Touristen zwar von der Burg aus gesehen; nur wenn man wieder unten beim Malostranské Nám. ist, findet man den Eingang nicht. Praktischerweise hat mir einer der Prager CoLis, der zufällig im Wohnheim nebenan von mir wohnt, auf dem Weg zur Uni den Eingang gezeigt: Der Trick ist es, beim Verlassen der Metrostation Malostranska nicht nach links Richtung Zivilisation (Würstchenbude, Straßenbahn, etc) zu gehen, sondern erst raus und dann gleich rechts, durch eine bisher unsichtbare Tür in einer Wand -- so wie in diesem Kinderbuch von Annegret Fuchshuber, kennt das noch wer? :-)

Man sollte sich auch nicht von der polizeilichen Bewachung dieses Ortes abhalten lassen, man wird durchgelassen. Das ist nur prophylaktisch, damit die ganzen Botschafter und Politiker in den Senatsgebäuden drumherum nicht die Parkbesucher aus den Fenstern werfen und so. Dieser Park war der erste, den ich kenne, der nicht nur Skateboard- und Hundeverbot, sondern sogar ein explizites "Waffen verboten"-Schild am Eingang hat. Wie jetzt, und überall drumherum laufen die Tschechen den ganzen Tag mit Pistolen herum, oder wie? (aber echt, Pistolen samt ihrer Bezeichnung sind eine tschechische Erfindung.)

Ansonsten geht es im Valdstejnská aber eher unpunkig ab. Die Bäume stehen if and only if in geraden Reihen am Wiesenrand. Alle Äste sind isomorph und gleichlang. Die Wiesen sind in parallelen Streifen exakt 18,5mm hoch gemäht. Die Springbrunnen sprühen parabelförmig Wasser. Die Fische im Teich werden jeden Abend nach Farbe und Größe sortiert, mischen sich aber jede Nacht versehentlich wieder, weil es da dunkel ist. Die Statuen stehen in symmetrischen Reihen auf eine überdachte Halle hin ausgerichtet, in der im Sommer bestimmt Kanons gespielt werden (weil: Kanon is' symmetrisch).

Dann findet man etwas skandalös unregelmäßiges Graues, das wie eine Kerzenwachstropfenplantage mehr als eine komplette Parkwand überwuchert. Man sieht den Designer des Gartens regelrecht vor sich, beim Brainstorming: "Nu, Tropfsteinhöhlen sin' gerade in; aber dummerweise Glücksache. Künstliche Tropfsteinhöhlen sin' billig, aber out; die kann ja jeder haben. Was allerdings nicht jeder hat, ist eine... <kreativ in der Luft herumfuchtel>... künstliche Open-Air-Tropfsteinhöhle!! <irres kichern>" Ontologisch eine absolute Innovation. Man weiss echt nicht, ob die Wandhaftigkeit oder die Tropfsteinhöhligkeit überwiegt. Wenn man sie sich genauer ansieht, entdeckt man in den Schnörkeln immer irgendwelche witzigen Dinge, Schlangen, (gefakte) Höhleneingänge, dumme Gesichter, Eulen... Oh wart mal, die Eulen sind echt.

Wenn Euch in all der blühenden rechten Winkel mal jemand aus einer Ecke heraus mit "aa-UU!" anschreit, dann ist das kein Botschafter, dem ihr auf den Fuss getreten seid, sondern der prager Pfau vom Dienst. Er heisst Páv und hat einen Harem, für den er im Frühling Räder schlägt und tanzt (Film folgt hoffentlich). Für die Touristen übrigens auch, er scheint da was überzuinterpretieren.

Der Eingang von der anderen Seite ist schwerer zu finden, weil man erst (wieder an der Polizei vorbei) über einen Innenhof des Senats am Valstejnská Nam. muss, und dort die richtige Tür finden. Alles in allem ein schöner "Schulweg" für Mathematisch interessierte.
 
2008-08-26 14:39

 
 29.04. 2004: Essen 6 /\ 
 
Die nächste Mensa zur MFF befindet sich auf der anderen Seite des Flusses, hinterm Nationaltheater (damit die Studenten zumindest mal Kultur von außen sehen). Die Organisation der Mensa ist übrigens, sagen wir, eine interessante Semesteraufgabe für die Vorlesung "Optimierung II":

Am Semesterbeginn bekommt man (auch als ERASMUS-Student) einen Briefumschlag mit Essensmarken. Sie sind mit scheinbar sinnlosen Zahlen versehen, aber sie funktionieren wie eine Währung (1 Essen = 1 Einheit), man bekommt auch Rausgeld in Form von Marken. Ach ja, und wer glaubt, dass man für die Essensmarken etwas zu essen bekommt, irrt sich. Für die Marken bekommt man an der Kasse der Mensa einen noch kleineren Papierschnipsel. Damit die Marke der Kassiererin nicht davonfliegt, beschwert man sie dabei mit 25 Kronen (< 1 Euro).

Mit dem Mini-Schnipsel stellt man sich an der Essensausgabe an, wo man sich eines von im Optimalfall drei Gerichten aussuchen kann ("Reis, Knödel oder Knödel"). Dazu gibt es Tee, Suppe, und ein kuchenähnliches Quaderchen auf einem weiteren kleinen Stück Papier. So man denn nicht den Kuchenunterlagenschnipsel mit dem Kassenschnipsel verwechselt, gibt man letzteren dem letzten Mensamitarbeiter ab, und sucht sich einen Platz, wobei man von den Kollegen über den Haufen gerannt wird, die mit der linken Hand ihr Tablett abgeben, und dabei mit der rechten das Besteck und mit der dritten die Teller einsortieren.

Kurz, die Mensa hinterm Theater hat die Atmosphäre einer Zip-Datei, alles sehr gedrängt, aber wenigstens schnelle Übertragung. Das Essen ist günstig, aber nicht so gut wie in tschechischen Restaurants oder in der Saarbrücker Mensa (über die man echt nur sehr selten klagen kann), aber es ist überlebbar, oft hat man Glück, und erwischt was gutes. ;-)

Wenn man als MFF-Mitarbeiter (leider nicht als Student) brav war, bekommt man von der Sekretärin übrigens auch Lebensmittelsmarken (stravenky), habe ich beobachtet. Sie sind mehr wert, als man selbst dafür bezahlt, und man kann sie in Lebensmittelläden oder in der MFF-Cafeteria ausgeben (leicht redundant finde ich die Schilder "Lebensmittelmarken gelten nur für Lebensmittel!"). Möglicherweise ist das eine schlaue Methode, die Preise für die Touristen hoch halten zu können, aber zugleich sicherzustellen, dass die Einheimischen nicht verhungern?

Ein kleines Cafe/Restaurant in der Nähe der Mala Strana MFF gibt es übrigens ein paar Schritte von der Tram-Haltestelle Svandivo Divadlo entfernt. Es heisst Labyrinth und liegt links von dem Theater an der Ecke. Es gibt dort Eisbecher für 60 Kronen (2 Euro), große Salate oder Steaks vom Grill für 70-80 Kc (2,50 Euro), und Kaffee für 32 Kc (1 Euro). Teurer als die MFF-Cafeteria, aber akzeptable Preise für die Touri-Ecke, wenn auch das Eis leider nicht gerade Mövenpick ist. Die nette Mischung "Steak, Eis, Salat" weckt in mir irgendwie Assoziationen von streitenden Pärchen, wo der Mann in ein Restaurant mit was "gescheitem zum Mittagessen" will, die Frau will aber nur "was Süßes... oder einen Salat". :-)

Aus irgendeinem Grund hatten sie da heute statt "heißer Schokolade" "weiße Schokolade". ("horká" und "bilá" klingen sich überhaupt nicht ähnlich, daran kann's nicht liegen). Also im Endeffekt weiße warme flüssige Schokolade. Spannend. Der Ober war flott und aufmerksam, der einzige echte Haken an dem Laden ist, dass er direkt an der Straßenbahn liegt, die doch einen ziemlichen Geräuschpegel hat. :-(
 
2008-08-26 14:39

 
 29.04. 2004: Hockey /\ 
 
Wenn man einem Tschechen vorgestern in der Metro in die Zeitung gelugt hat, verstand man, was diese ganzen Touristen mit den bescheuerten bunten Gewändern und den komischen Papierhüten und den überdimensionierten Gummihänden wollten! Und warum es extra Durchsagen an der Metrostrecke in Richtung des Stadions gab, man solle keine Glasflaschen, Trommeln, Pfeifen, und Alkohol, u.a. mitnehmen:

Deutschland hat gestern in Prag gegen Tschechien verlo-- also, gespielt. In der Eishockey-Weltweisterschaft! Ich wusste nicht einmal, dass Deutschland überhaupt ein Team hat... Bei Tschechien ist das ja klar, das hier ja der Nationalsport. Kurzgesagt, Deutschland hatte wahrscheinlich keine Chance, und hat nur der Form halber mitgespielt? In den deutschen Online-News ist Eishockey irgendwie nur unter "ferner liefen"... Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn in den Vor-Interviews des deutschen Teams der Ausdruck "Klitzekleine Chance" benutzt wird? =-)

Vorm Wohnheim stolperten sich gestern abend auf jeden Fall nachts zwei einsame leicht angeheiterte deutsche Studenten über den Weg, und tanzen, und sangen unter dem Grinsen der Tschechen "Ein (1) Tooor! Ein Tor ein Tor ein Tor" auf die Melodie von "Ole Ole"... Die Ansprüche im deutschen Hockey scheinen... nicht so sehr hoch. Positiv denken ist alles: Wenn ich das recht mitgekriegt habe, stand es die meiste Zeit unentschieden 1:1, bis die Tschechen dann anscheinend am Schluss aus Langeweile noch 4 Tore reingesemmelt haben. Und plötzlich verstehe ich auch, was diese ganze "Èe¹i do toho!" bedeutet, auf Deutsch übersetzt heisst das "Hopp Schwyyz!". Odd'r?
 
2008-08-26 14:39

 
   
2008.08.26

http://www.ruthless.zathras.de/