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Angewandte Realitätsferne

Ein Blog über ERASMUS-Austausch mit Prag aus der Sicht eines Computerlinguisten (auch interessant für Linguisten und Informatiker und allgemein für Austauschstudenten in Prag).

Alphabetischer Index:
Caput RegniEinkaufen 1Einkaufen 2Einkaufen 3Essen 1Essen 2Essen 3
Essen 4Essen 5 Essen 6EUFußballGaiman was hereGeheimnamen
HandyHockeyInsiderwissen JosefovKino, Oper, MusikKleinkram John Lennon
Linux-ExpoMetroMetroMFF Mala StranaMondfinsternisMusikNo? No. No!
OrientierungOrientierung 2Park(en) erlaubtPost, Polizei, NahverkehrRadioSchein oder nicht ScheinSemesterbeginn
Sightseeing 1Sightseeing 2Sightseeing 3SpazierenStromausfallTelephon!Theater
Tschechisch 1Tschechisch 2Tschechisch 3Tschechisch 4Tschechisch 5Tschechisch 6Übungsgruppen
UngarninvasionUNIXWinterschuleWohnheimWohnheim 2Wohnheim 3Zusammenfassung

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 04.04. 2004: Handy /\ 
 
Das Display ("obrazovka") meines (nach aktuellen Erkenntnissen 5 Jahre alten) "tschechischen" NOKIA-Handys ist jetzt plötzlich viel kontrastreicher und verliert auch keine Zeilen mehr, nachdem ich es letzte Woche einmal ein bisschen total auseinander genommen und wieder zusammengebaut habe. Laut Internet ein bekanntes Phänomen, womöglich werden durch das erneute Zusammenschrauben die leitenden Teile des Displays wieder festgedrückt und haben wieder Kontakt. Aha.

Schraubenzieher heisst übrigens ¹roubovák, falls ihr mal einen braucht, der ist billiger, als sich das "Mobil" für ab 200Kè im "Bazar" reparieren zu lassen (solange der Displaykontrast das einzige Problem ist). Natürlich sollte man danach testen, ob der Lautsprecher richtig sitzt, sonst hört man beim nächsten Anruf selbst nix, aber der Anrufer hört einen über das Schrotthandy fluchen. ;-)
 
2008-08-26 14:39

 
 06.04. 2004: Stromausfall /\ 
 
Boah, cool, hier war grad Stromausfall an der Uni. Aber im Land der Samtenen Revolutionen bleiben alle total ruhig und gelangweilt? Die Obercheffin guckt kurz rein, die Laptopuser reagieren gar nicht (grinsen nur frech), die anderen holen sich 'nen Apfel raus. Niemand panikt rum von wegen, "Dreeeihundert Stunden Arbeit, und niiix gespeichert?!?" Also, mein Zeug läuft ja auf dem IAI-Server...

Unter den Tischen hier stehen so kleine Kästen neben jedem PC, wo ich mich schon immer gewundert habe, was das ist. Die fingen alle plötzlich an, asynkopisch und sinusmässig zu fiepen. Sehr stimmungsvoll... Alle Bildschirme und das Licht aus... Spätnachmittageslicht durch die Fenster... ansonsten nur Laptopdisplaybeleuchtung im Raum... Und dazu "Fiep! Fiepfiep! ... Fiiiiep! Fuup! Fiepfuup!"

Nach 5 Minuten macht es einfach "Zong", Licht und Bildschirme gehen wieder an. Die Leute schmeissen ihre Apfelbutzen weg und arbeiten weiter, als wäre nix gewesen. Häh? Offenbar haben die Heulbojen unterm Tisch aufopfernd und heroisch die Stromversorgung der PCs gerettet! Mein PC war in exakt dem selben Zustand wie vor dem Stromausfall; er war die ganze Zeit an gewesen, nur der Bildschirm war aus. Cool. So 'ne USV will ich auch.
 
2008-08-26 14:39

 
 07.04. 2004: No? No. No! /\ 
 
Ah, endlich! Mein Lehrbuch (*) sagt in der 46. Lektion zu "no": Eine häufige Interjektion zum Ausdruck von Unschlüssigkeit, Überraschung, oder Resignation, in der Umgangssprache häufig als Synonmym für Ja benutzt -- "was Ausländer manchmal stutzen lässt". Ah. Und Eisberge sind schlecht für die Titanik.

Mich wundert gar nix mehr. :-P Ich Chudák steh da, und versuche empirisch eine Bedeutung zu ermitteln, und am Ende heisst es tatsächlich genau das: Ja, nein, vielleicht, naja, hm, ach, öhm, aha, na, kind-a well like you know sort of! Toll, vergesst das Vokabelnlernen, hängt eh alles vom Kontext und der Intonation ab. ;-)

In Wahrheit ist "no" einfach das perfektionierte Hörersignal: Der andere weiss erstens, dass ihr zuhört, und zweitens, egal ob er ein Ja oder Nein erhofft, er kriegt es -- während man selbst die ganze Zeit eigentlich nur unverbindlich "tja" gesagt. Muhahaha, genial... :-)

(*) Das Tschechisch-Lehrbuch heisst übrigens Assimil. Auch wenn die Tschechischlehrerin es (für den Uni-Tschechischkurs) nicht empfohlen hat, finde ich's zum Selbststudium extrem nützlich.
- Es gibt konkrete Phrasen/Idiome in den Lektionstexten, abstrakte Grammatik in den Anmerkungslektionen, plus (z.B. landeskundliches) Hintergrundwissen in den Fußnoten (als Ersatz für den Lehrer).
- Immer 6 Lektionen kreisen implizit um ein paar sprachliche Phänomene (Genitiv, Adverb, etc), die dann in jeder 7. (Anmerkungs-)Lektion explizit gelehrt werden -- und da kommt einem das Muster schon vertraut vor. Der Lerneffekt passiert durch die ständige beiläufige Wiederholung von eigentlich schon mal gelehrtem.
- D.h. man lernt nie freischwebende Tabellen auswendig, sondern jede Vokabel ankert immer in einem Kontext. Der Kontext kann dabei auch ein "merkwürdiger" Comic sein.
- Da man sich ohne Lehrer leicht Falsches einprägen könnte, sind die ersten 50 Lektionen passiv. Man soll nur laut lesen, mit Hilfe der (von mal zu mal freier werdenden) Übersetzung verstehen, und Lückentexte ausfüllen -- die sicherstellen, dass man die Wortstellung nicht falsch machen kann. Erst ab der 50. Lektion beginnt die aktive Hälfte, in der man zusätzlich zur aktuellen Lektion noch zur X minus 49sten Lektion zurückblättert, die tschechische Seite zuhält, und versucht, sie sich mit Hilfe der Übersetzung zu rekonstruieren.
 
2008-08-26 14:39

 
 07.04. 2004: Geheimnamen /\ 
 
Tipp: Bei der Eingabe von Passwörtern an PCs in Tschechien drandenken, dass die Eingabemasken meistens (immer?) auf US-Tastatur eingestellt sind, wohingegen das Betriebssystem und die Tastaturbeschriftung auch Tschechisch sein kann -- während man das Passwort ändert z.B.!
Bisher habe ich wegen falscher Passworteingabe aber erst je einmal meine beiden CIP-Raum-Accounts ("úèet") gesperrt... Ausserdem weiss ich so jetzt wenigstens wer die Admins sind, falls ich mal eine intelligentere Frage als "odblokovani úètu" haben sollte.

Da ich das Passwort am Ende doch nicht benutzt habe, kann ich es ja halb verraten: Ich wollte ein garantiert [wie ironisch] keinem Cracker bekanntes Passwort für mein CUNI-Account. Was wäre also naheliegender, als irgendein (natürlich verfremdeter) unbekannter Eigenname? Ein weiblicher, belgischer Eigename, konkret.
Aber, sagt mir dieser doofe Computer, nö, is based on a dictionary word. Hää?? In was für 'ner abgedrifteten Sprache sollte denn bitte schön "Garance" im Wörterbuch st-- Oh. Hm. Wenn man das Wort jetzt natürlich, sagen wir mal, Tschechisch aussprechen würde... Lateinischstämmige Fremdwörter enden im Tschechischen schon hin und wieder auf -ce... Und "Garantie" könnte schon in ein bis mehreren Wörterbüchern auftauchen... =-] Okeee. Dann halt nicht...

Wenn wir CoLis alle zusammen einreisen würden, hätten wir sowieso ein Problem: Die ersten paar kämen durch, aber die Tschechen finden ja auch "Ruth" schon einen unmöglichen Frauennamen. Bei "Garance" nehmen sie einem wahrscheinlich endgültig das Formular weg, und sagen, "Ja, okay, danke... Erst zwei Ruths, noch dazu ohne "-a", und dann eine Garantie... Schon klar..." -- "Dürfen wir nicht einreisen?" -- "No..." -- "Wie jetzt, ja oder nein??"

PS: Apropos Vornamen: Ein paar gut platzierte cuts, ein grep -v "a$" plus ein sort|unic -c über die /etc/passwd zu jagen ergibt, dass Martin zur Zeit der zweithäufigste Jungenname in Tschechien ist! Gruß an selbigen.
 
2008-08-26 14:39

 
 09.04. 2004: Insiderwissen /\ 
 
Inzwischen war ich auch mal im Cafe Imperial (Na Poøici, noch ein Stück beyond Obecni Dùm), das ja angeblich für seine Donuts berühmt ist. Bevor ich mich aber mit mir einigen konnte, ob man Donut nicht vielleicht doch Doughnut oder Donought schreibt, musste ich feststellen, dass es sich dabei mitnichten um amerikanische Donuts handelt, die die Gäste dort zu ihrem Kaffee geschenkt bekommen, sondern um (zumindest für Deutsche) stinknormale mit Marmelade gefüllte Berliner Pfannkuchen / Krapfen! Auf Tschechisch Kobliha genannt.

Das Cafe Imperial selbst ist ein Extremfall von "Secese" (Jugendstil). Ich will nicht sagen, dass gekachelte Wände kitschig sind, aber wenn das Imperial bei Regen auf dem Kopf stünde, wäre es ein sehr psychedelisches Schwimmbad. Das Louvre fand ich schöner, und auch die Getränke sind dort besser... Außer durch laschen Kakao und "exotische" Berliner bekommen Gäste im Imperial ihren Kick durch die tägliche Bedrohung, die von einem unscheinbaren Angebotskästchen in der Mitte der Speisekarte ausgeht:

Sonderangebot "Saturnin-Schale" 1943 Kronen (60 Euro)
Eine Schale Berliner vom Vortag, die Sie auf die anderen Gäste werfen können. Nur für nüchterne Personen über 21 Jahren. Wir bitten um Vorauszahlung. ACHTUNG! WARNUNG FÜR ORDNUNGSLIEBENDE GÄSTE! Die Schale steht sichtbar auf der Bartheke. Wenn Sie sie dort nicht sehen, verlassen Sie schleunigst das Cafe, oder Ihr weiterer Aufenthalt hier ist allein auf eigene Gefahr.

Saturnin ist, wie mir eine Bekannte von Libor (Helena) erzählte, der Name eines Romans, der diesen... traditionellen tschechischen Brauch initiierte. Er sagt, dass es drei Arten Menschen gäbe, die man an ihrem Verhalten angesichts einer Schale alter Berliner unterscheiden könne: Die erste Gruppe beachtet die Schale nicht weiter; die zweite denkt, hehe, die könnte ich den anderen Leuten an den Kopf werfen; die dritte Gruppe tut es.

Helena ist übrigens wie Libor sehr sprachbegabt (sie konnte auch mindestens Tschechisch, Englisch und Deutsch), und im Gegensatz zu anderen Leute, die über sich sagen, nicht verrückt zu sein, sondern nur so auszusehen, war sie echt sehr nett und lustig. Sie war extrem fähig darin, beim Sprechen mit mir von sich aus immer mindestens drei Paraphrasen mitzuliefern, so dass ich verblüffend viel verstanden habe. Menschen sind sichtlich unterschiedlich begabt darin, Paraphrasen bilden zu können.

Helena hat versucht, mir tschechische Osterbräuche nahezubringen: Männer flechten Reisig zu einer Art Peitsche zusammen; damit diese Rute feierlicher aussieht, kann man noch bunte Kreppbänder dranbinden; damit verhaut man(n) eine Frau, die man mag. Die angemessene Reaktion der Frau ist es, ein Ei auszublasen und in stundenlanger Arbeit mit einem traditionellen Muster zu bemalen; das Osterei erhält hiermit das Recht, Kraslice zu heissen; es ist nicht essbar, und wird von der Frau einem Mann geschenkt, den sie mag. Im Fall von künstlerischer Unbegabung kann man die Ruten und Kraslice auch von professionellen Hohlosterei-mit-Liebesmuster-Anmalerinnen kaufen.
Falls ich das richtig verstanden habe. Tja, und Ihr dachtet, China wäre exotisch. An der Straßenbahnhaltestelle habe ich heute tatsächlich schon einen Mann gesehen, der eine Frau testweise mit so einer Rute gepiekst hat... Deswegen also hat mir meine tschechische Nachieterin in Saarbrücken den Tipp gegeben, an Ostern im Wohnheim die Tür nicht aufzumachen! ;-)

Von Libors Cousine Martina (schon das dritte Glied in der Kette von "Freunden von Bekannten aus Saarbrücken, die zufällig in Prag sind") habe ich gelernt, dass man zu Køen (kleingeraspelter Meerettich) Brotscheiben dazubekommt, weil man daran während dem Essen riechen soll, dann brennt der Meerettich nicht so in der Nase. Funktioniert! Jetzt brauchen meine Augen nicht mehr tränen, und ich muss auch kein Voodoo-Huhn mehr um meinen Kopf schwingen, und kann in Ruhe Køen-süchtig werden.

Martina war zuletzt vor der Wende in Prag, und konnte aus erster Hand von den Veränderungen berichten: Früher war alles langweilig und leer, das einzig bunte und volle waren die Straßenbahnen. Es gab keine Werbung, keine Poster, und nur wenige kleine Geschäfte, die alle dasselbe Einheitszeug verkauft haben, und in den Schaufenstern lag nur liebloses vergilbtes Zeug rum. Die Touristenwege waren das einzige, was regelmäßig renoviert wurde, alles andere war kaputt. Die Touristen fielen zudem auf wie Südseefische in Kartoffelsuppe, da sie die einzigen waren, die individuelle Kleidung hatten. Die Versuche junger Mädchen, sich peppige Westmode aus grellbunten Einheitsblusen zu basteln, waren schätzungsweise nur knapp erfolgreicher als die Versuche, das Prager Jahrhunderthochwasser mit der Drohung einzuschüchtern, es in der Moldau zu ersäufen.
Jetzt erkenne man die Stadt kaum wieder, die Leute seien total modebegeistert, und nicht nur die Nach-Wende-Kinder, die die durch die Renovierungen "neu" entstehenden Gebäude sehen, glauben steif und fest, dass Jugendstil und Klassizismus aktuelle Baustile sind... :-)

Ausserdem habe ich mit einer Simona, einer ins Saarland ausgewanderten Tschechin geredet, (von der ich nicht mehr weiss, wie sie mit wem verwandt oder bekannt ist), die Karel Oliva kennt. ;-) Eines Tages wird rauskommen, dass das Saarland in einem früheren Leben eine Überseekolonie Tschechiens war. Wahrscheinlich sagen deswegen alle "Ahoj".
 
2008-08-26 14:39

 
   
2008.08.26

http://www.ruthless.zathras.de/