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Angewandte Realitätsferne

Ein Blog über ERASMUS-Austausch mit Prag aus der Sicht eines Computerlinguisten (auch interessant für Linguisten und Informatiker und allgemein für Austauschstudenten in Prag).

Alphabetischer Index:
Caput RegniEinkaufen 1Einkaufen 2Einkaufen 3Essen 1Essen 2Essen 3
Essen 4Essen 5 Essen 6EUFußballGaiman was hereGeheimnamen
HandyHockeyInsiderwissen JosefovKino, Oper, MusikKleinkram John Lennon
Linux-ExpoMetroMetroMFF Mala StranaMondfinsternisMusikNo? No. No!
OrientierungOrientierung 2Park(en) erlaubtPost, Polizei, NahverkehrRadioSchein oder nicht ScheinSemesterbeginn
Sightseeing 1Sightseeing 2Sightseeing 3SpazierenStromausfallTelephon!Theater
Tschechisch 1Tschechisch 2Tschechisch 3Tschechisch 4Tschechisch 5Tschechisch 6Übungsgruppen
UngarninvasionUNIXWinterschuleWohnheimWohnheim 2Wohnheim 3Zusammenfassung

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 11.03. 2004: Post, Polizei, Nahverkehr /\ 
 
Die gute Nachricht des Tages: Es gibt Briefkästen in Tschechien! ;-) Genau wie bei Feuerlöschern besteht der Trick schlicht darin, sie zu sehen. Probiert das mal an Eurem Arbeitsplatz, Uni, Schule, etc aus. Sucht Feuerlöscher. Ihr werdet Euch wundern, wieviele es dort plötzlich gibt, an Orten, wo ihr 1000 Mal vorbeigekommen seid, und wo ihr sie trotzdem nicht gesehen habt. So ist das mit Briefkästen in Tschechien: Sie sind kleiner und flacher als in Deutschland, und orangener -- was zur Folge hat, dass sie in den ersten Wochen total durch mein Briefkastenerkennungsraster gefallen sein müssen.

Genau wie die Briefkästen habe ich an den ersten Tagen auch die Polizeisirenen überhaupt nicht als solche erkannt, hauptsächlich deswegen, weil sie exakt so klingen, wie ein kleiner batteriebetriebener UFO-SciFi-Synthesizer, den ich als Kind mal hatte, so "Wiu-Wiu! Uooooh..."-mäßig... Aber wenigstens haben die Polizisten zum Ausgleich sehr coole elegante schwarze Uniformen, die ein wenig an die Einsatzkleidung der Sicherheitsleute von "Babylon 5" erinnern. Die Leute, die auf die blöde Idee gekommen sind, Prag mit dem Auto zu besuchen, werden wahrscheinlich schnell mit der nervigen Angewohnheit der Polizisten Bekanntschaft machen, mehrsprachige Radkrallen an Falschparker zu verteilen. Da hilft auch die Tarnung durch den Pannenblinker nichts.

Ne, da fährt man doch besser Metro, und mit den neuen Straßenbahnen. Angeblich hatte sich bis vor 15 Jahren je ein Ostblockland auf die Produktion von jeweils einem Verkehrsmittel spezialisiert; während die Russen schöne Taiga taugliche Lokomotiven aus Panzern bastelten, waren die Tschechen (wenn meine Info stimmt) ;-) für die Straßenbahnen zuständig. Auf dem Vaclavské Námìstí stehen sicherheitshalber immer noch ein paar alte als Beweis herum.

Die Fahrkarten werden in Prag übrigens des öfteren kontrolliert. Bei dem großen Andrang können die Kontrolleure zwar nur Stichproben machen, aber sie haben offenbar schon ein gutes Gespür entwickelt. ;-) Also wenn Euch jemand in Bus, Bahn, Metro, oder auf dem Weg zum Metrogleis(!) kommentarlos eine komische runde Metallplakette mit einem rotweißen doppeltverknoteten Opel-Symbol unter die Nase hält, dann ist das die höfliche Aufforderung, die Fahrkarten zu zeigen! Zeigen bedeutet übrigens nicht hergeben, ihm unter die Augen halten reicht; es könnte ja ein Trickbetrüger sein, der einem dann eine ungültige zurückgibt (Reiseführer sind schon paranoid mit ihren Ratschlägen?!).

Kürzlich habe ich mal einen Mann erlebt, der ein echt selten schönes klares Amerikanisch gesprochen hat (oder kanadisch?) -- er fiel deswegen auf, weil er am Metro-Bahnsteig (wie schon gesagt, da ist auch schon Fahrscheinpflicht) den Kontrolleur eindringlich aber würdevoll anbettelte, dass er die Strafe nicht zahlen muss. Da er kurz später laut "phew" sagend an mir vorbei kam, schätze ich, dass er irgendwie durchgekommen ist! :-o

An, in den und um die Metrostationen gibt es übrigens nicht nur Zivilisationsinseln mit Handy-Bazaren, Kaffee und Süßigkeiten, Zeitschriften (anscheinend von Arbeitslosen als ABM verkauft) und punktuelle Stürme -- sondern auch symbolische Musik. Zu erleben gibt es letztere konkret in der Station I.P.Pavlova (benannt nach dem Typen mit den Pavlovschen Hunden): Dort steht ein Bettler --ein echt uralter gebrechlicher Mann, dem man echt abkauft, dass er nicht mehr arbeiten kann-- und der spielt symbolisch Geige; symbolisch heisst, er hat tatsächlich eine Geige und einen Bogen, und er bewegt ihn auch, aber man hört irgendwie nix. Ich glaube, er ist entweder zu schwach und zittrig, oder kann gar nicht (mehr) Geige spielen, aber den Leuten ist das egal, die Symbolik kommt an, und bei den lauten Ubahnen würde man eh nichts hören...

Hier die Webseite der Prager Verkehrsbetriebe, wo man sich Bus- und Bahnlinien ausdrucken oder eine Verbindung suchen kann. Es gibt auch Info über Preise, Fahrkarten, Nostalgiebahnen, die Prager Bergbahnen, und Park&Ride. Sie ist dreisprachig, allerdings ist die deutsche Übersetzung ein wenig... experimentell... "Keine Bericht sind nicht vorgefunden". ;-)
http://www.dpp.cz/
 
2008-08-26 14:39

 
 12.03. 2004: Winterschule /\ 
 
Eine Sommerschule kann jede Uni haben, die prager CoLis sind natürlich cooler, und übertrumpfen das locker mit einer Sommerschule im Winter. Sogar Joshi war hier, höchstpersönlich saß er in dem Büro, wo ich auch war, an einem Rechner, und ssh-te seinen eMails hinterher. Ich hatte ihn noch nie gesehen, aber da ich mich erinnern konnte, dass ihn mir mal jemand damit beschrieben hatte, dass man sich bei seinem Anblick wundern würde, dass er nicht OSV-Sätze bildet ;-), habe ich ihn sofort erkannt, und habe nach seiner Webseite gegooglet, und bekam meine Theorie bestätigt. Auf den Vorträgen war ich dann doch nicht, sie waren zwar englisch und einige Themen klangen sehr interessant, aber der Laden war zu weit weg, um mal eben kurz zu einem Vortrag hinzufahren.

http://ufal.mff.cuni.cz/vmc/vmc19/vmc_ls19.html

Wegen der Sommerschule waren in den zwei Wochen einige Gäste da, die von Hajièová durch die MFF geführt wurden ("Und hier sehen sie die Prager Burg!"--"Uuiii!"), und plötzlich bekam man mal mit, was für Fremdsprachen die Tschechen um einen herum alle können. Ich habe ja schon mal einen rothaarigen Tschechen erlebt, der fliessend französisch konnte, und auch einen australischen. An der CoLi gibt es dann noch einen Halbarabischen, und einen, der einfach so auf italienisch umschalten kann, interessant v.a., weil er die typische Gestik und Körpersprache eines Italieners nicht hat!
 
2008-08-26 14:39

 
 16.03. 2004: Einkaufen 2 /\ 
 
Total ungewohnt, in Tschechien haben die Geschäfte bis spät abends auf, z.T. bis 22Uhr, und am Sonntag auch bis Abends... OK, die am Wenzelsplatz natürlich, weil da um die Zeit Touristen noch für Umsatz sorgen. Aber sogar im Vorort Chodov hat Billa bis 22Uhr offen. In Saarbrücken würde kein Wohnheimbewohner auf die Idee kommen, am Wochenende um 21Uhr noch mal nach nebenan einkaufen zu gehen...

Chodov ist für Prag wahrscheinlich so eine Art Chinatown, in dem einzigen Kaufhaus dort gib es zumindest ein Chinarestaurant, einen China-Imbiss, und ein Stockwerk voller chinesischer Händler mit kleinen Ständen. Da es sich hier um Tschechien handelt, geht es auf diesem asiatischen Bazar selbstverständlich sehr still und entspannt zu, kein Gedränge, keine laute Musik, keine aufdringlichen Händler. Dort einzukaufen ist nicht nur wegen der guten Preise und der fehlenden Markenartikel angenehm, sondern auch weil die Chinesen auch nicht besser Tschechisch können als ich. ;-)

Die eine Chinesin konnte tatsächlich nur in klischeehaften Einwortausrufen sprechen: "Siso? Sekat! ... Neni!" ("G'öße? Wa'ten! ... Nix!"). Ein Glück, dass eine solidarische tschechische Man¾elka mir heimlich vorgeflüstert hat, dass "Siso" "Èíslo" heissen sollte, hätte ich nicht auf Anhieb verstanden... Aber es gibt auch Chinesen, die relativ gut Tschechisch können, so ganz inkompatibel sind die Sprachen trotz ihrer Gegensätzlichkeiten wohl doch nicht. Jetzt rede ich schon Tschechisch mit Chinesen, eigentlich krass... ;-D
 
2008-08-26 14:39

 
 18.03. 2004: MFF Mala Strana /\ 
 
Hübsch, auf den typischen Pragtourismuspostkarten sieht man die Türme von der "CoLi-Kirche" St. Mikula¹! :-) Offenbar war früher das jetzige MFF-Gebäude selbst die Kirche inkl. Kloster; dann wurde direkt an das Gebäude dran die neue Mikula¹-Kirche gebaut, und der alte Teil der (damals neuen) Prager Universität geliehen, die keine Gebäude für das mitten während der stressigen Gründung der Universität zum ungünstigsten Zeitpunkt auftauchende Studentenpack hatte. Gerüchten nach gibt es einen geheimen zweiten Fahrstuhl irgendwo im UG, der nach unten zu einem tiefen Keller mit Tresoren führt, in denen (ausser den StaSi-Akten aus einem anderen Gerücht?) möglicherweise mal Staatsschätze waren, oder zumindest hin hätten sollen.

Der erste Stock ist übrigens "weg", weil er tatsächlich noch renoviert wird -- die CoLis haben erzählt, dass das jetzt so schöne Gebäude bis vor ein paar Jahren so schrecklich war, dass sie sich schon gewünscht haben, stattdessen lieber in einem "normalen" Bürogebäude zu arbeiten, wo dafür die Internetkabel in den Wänden verlegt sind (statt auf dem Boden im Flur!). Inzwischen ist alles dank der Renovierung im Boden verlegt, und Klassizismus meets Hightech in Reinstform: Beamer ("promítaèka"?) und Gigabit wohin das Auge blickt.

http://www.mff.cuni.cz/fakulta/budovy/kampus/mala_strana.htm

Apropos Beamer, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil ich nicht alles verstehe, aber mir kommt die Technik in Prag schon ein wenig fähiger vor als in Saarbrücken (ich meine die Geräte, nicht die Admins!). An der MFF nimmt man die Existenz des Beamers und gar des Computers dahinter gar nicht wahr. Die Dozenten kommen rein, schieben im Vorbeigehen maximal eine Diskette ins Laufwerk eines im Professorenpult verborgenen PCs, und die Vorlesung geht los, Punkt. Nix verkabeln und Laptop und Fernbedienung suchen. Es wirkt irgendwie effizienter, aber vielleicht ist das der Eindruck, den man als nixverstehender Neuankömmling immer hat?

Der schon fertige CIP-Raum ist auch sehr gelungen, er ragt im EG in Form einer sogenannten Rotunda in den ungenutzten Innenhof hinein (solche architektonischen Tricks erklären allerdings, warum das Gebäude innen grösser ist als außen!!). Es gibt schätzungsweise 50 PCs in Bereichen für Windows, Linux, UNIX. Magnetkartenzugang wie in Saarbrücken haben sie noch nicht, denn die tschechischen Hacker arbeiten unauffälliger, und veranlassen die Universität nicht gleich zu Sicherheitsvorkehrungen. ;-) Zur Zeit genügt es, dem mit "Slu¾ba" beschrifteten Studenten seinen Studentenausweis zu zeigen, und sich ganz analog in ein Heft einzutragen, auch abends kann man so noch rein.

http://www.ms.mff.cuni.cz/

Durch leicht übersehbare Türen ganz links und ganz rechts nach dem Eingangsbereich der Rotunda kommt man in zwei Übungsräume, wo die praktischen Teile der Vorlesungen abgehalten werden, weil in der Rotunda die PCs so Feng-Shui-mäßig angeordnet sind, dass man nicht unterrichten kann. Was wiederrum heisst, dass es ruhige Räume für Übungen einerseits und einen allgemeinen Computerraum andererseits gibt -- sollte man in Saarbrücken auch mal einrichten. Hm, was kommt eigentlich in den Keller des (hoffentlich endlich mal im Jugendstil oder Klassizismus gehaltenen!) neuen Gebäudes, das gerade hinter der Saarbrücker CoLi entsteht?

Weitere nicht-architektonische Unterschiede zu Saarbrücken sind: In Saabrücken bekommt man im Gegensatz zu Prag keine Rundmails vom Admin mit einer Überschrift wie "Vazeni a mili, vazeni, mili" ("Liebe sehr geehrte, liebe, und sehr geehrte Mitarbeiter").... Christian hat mich vor solchen Leuten gewarnt... ;-)
Außerdem wird man in Prag (v.a. vom Pförtner) komisch angeschaut, wenn man samstags an die Uni kommt und arbeitet -- sonntags habe ich mich dann gleich gar nicht mehr reingetraut. Es gibt allerdings einen Mitarbeiter, der oft Überstunden macht -- d.h. er geht erst um 19Uhr... Der hat sich einmal, als ich gewohnheitsmäßig bis mind. 20Uhr bleiben wollte, total gefreut, dass er nicht der letzte ist! Krass. Dann fiel mir ein, dass ich abends ewig zurück ins Wohnheim brauche, und es doch besser ist, um 18Uhr "schon" zu gehen.
 
2008-08-26 14:39

 
 19.03. 2004: Ungarninvasion /\ 
 
Bisher verhielten sich die prager Ungarn brav und unauffällig wie... wie... Slowaken. Aber schon die ganze Woche pilgern sie auf den Malostranské Namìstí, und opfern einer Plakette am MFF-Gebäude Blumenkränze...!

itt vakott tanulmanyai éveilen
1690-1692 között II Rakoczi Ferenc...
az 1703-1711 évi magyarországi
Függetlensegi harc vezetöje

Oder so, ich konnte da nicht stundenlang stehen und den ungarischen Text abschreiben: Denn in der kurzen Zeit, wo ich die Zeilen notierte, entstand schon ein kleiner Auflauf von Passanten, die sich zu fragen schienen, "Wie, erst eine unlesbare Plakette (wer weiss, ob die tschechische Übersetzung nicht gefälscht ist?!), dann literweise unlesbar beschleifte Blumenkränze, und jetzt sogar schon Leute, die sich Notizen machen! Steht hier die heimliche Rückkehr der Vokal-Front bevor? Müssen wir uns jetzt alle ein Ö kaufen?"

Mein ungarischer Geheimagent konnte zumindest einen Teil des Geheimnisses lüften: "Hier führte seine Studien in den Jahren 1690-1692 Ferenc II. Rakoczi durch, der Anführer der ungarischen Unabhängigkeitsbewegung in den Jahren 1703-1711." Aha, so schmückt man also die Uni eines Helden zum 300. Jubiläum. Ich möchte nicht wissen, wieviele Blumenkränze inzwischen an den Orten liegen, wo er gewohnt hat, geschweige denn da, wo er geboren und gestorben ist... :-o Ungeklärt bleibt auch immer noch die Frage, warum der Anführer der Ungarn vor 300 Jahren in Prag Computerlinguistik studiert hat?
 
2008-08-26 14:39

 
   
2008.08.26

http://www.ruthless.zathras.de/