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Angewandte Realitätsferne

Ein Blog über ERASMUS-Austausch mit Prag aus der Sicht eines Computerlinguisten (auch interessant für Linguisten und Informatiker und allgemein für Austauschstudenten in Prag).

Alphabetischer Index:
Caput RegniEinkaufen 1Einkaufen 2Einkaufen 3Essen 1Essen 2Essen 3
Essen 4Essen 5 Essen 6EUFußballGaiman was hereGeheimnamen
HandyHockeyInsiderwissen JosefovKino, Oper, MusikKleinkram John Lennon
Linux-ExpoMetroMetroMFF Mala StranaMondfinsternisMusikNo? No. No!
OrientierungOrientierung 2Park(en) erlaubtPost, Polizei, NahverkehrRadioSchein oder nicht ScheinSemesterbeginn
Sightseeing 1Sightseeing 2Sightseeing 3SpazierenStromausfallTelephon!Theater
Tschechisch 1Tschechisch 2Tschechisch 3Tschechisch 4Tschechisch 5Tschechisch 6Übungsgruppen
UngarninvasionUNIXWinterschuleWohnheimWohnheim 2Wohnheim 3Zusammenfassung

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 20.02. 2004: Tschechisch 2 /\ 
 
Spracherwerbsselbstanalyse, zweiter Teil. OK, gut, ich kenne "jo" bzw "ano" ("Ja"), und "Ne" (Nein); was um alles in der Welt bedeutet es aber nun, wenn alle Leute in der Praxis eigentlich nur "no" sagen -- ja oder nein?? Meine aktuelle Theorie ist, es bedeutet "Tja" oder "Well, kind-a, like, you know?". Und wenn der Dozent "Tak" sagt, heisst das nicht "Danke", wie in Schweden, sondern "aaalso", das kapier ich ja auch noch. Aber was redet er die ganze Zeit von Chilli? Da es immer am Satzanfang von Aufzählungen auftauchte, tippte ich spontan auf "desweiteren" oder "ausserdem" -- naja, war nicht schlecht geraten, "èili" heisst anscheinend "oder". Reverse Engineering nenn' ich das.

Eine weitere witzige Neuentdeckung sind die Hintergrundprozesse, die das Gehirn "in seiner Shell mit & zu starten" scheint. Konkret: Ich lese irgendwo irgendwas, hab aber keine Ahnung, was es heisst, kommt ja ständig vor. Aber manchmal, zwischen eine und fünf Minuten später --ich denke schon lange nicht mehr an das Wort, und habe die Sache eigentlich schon vergessen!-- zack, kommt eine innere Stimme hinterhergerannt und sagt plötzlich mit hängender Zunge die richtige Übersetzung.... Huh?

Klar, im Nachhinein ist es jedesmal offensichtlich, es war vielleicht bloss eine deklinierte Form in einem Kompositum in einem neuen Kontext... oder so, so dass ich die Bedeutung nicht gleich wiedererkannt habe; aber dass sich das mein Gehirn selber überlegt, ohne dass ich drüber nachdenken muss??? Könnte es gerne öfters machen. Und bitte auch ein wenig schneller!

Wenn man übrigens den Eindruck hat, seine Dozenten nicht gut genug zu kennen, gibt es hier eine Anketa, sowas ähnliches wie eine Fachschaftsevaluation. Studenten scheinen (unanonym) die typischen Eigenschaften ihrer Dozenten zu beschreiben!
http://kiwi.ms.mff.cuni.cz/~skas/sanketa.shtml
Hab aber noch nicht alles gelesen, ist natürlich auf auf Tschechisch.
 
2008-08-26 14:39

 
 21.02. 2004: Orientierung /\ 
 
Der einzige Haken an exotischen Fremdsprachen ist: Man kommt sich im Alltag irgendwie doof vor, wenn man den Elephanten im Porzelanladen uebersieht, weil man nicht weiss, dass man nach einem Elephanten sucht, ne? Was ist also was?

Hradèaní -- "Hradschin", der Stadtteil der Prager Burg (Hrad)
Malá Strana -- die Kleinseite, das Westufer der Moldau, unter der Burg
Josefov -- Josefstadt, nördlichster Teil des Zentrums
Staré bzw Nové Mìsto -- Alt- bzw. Neu-Stadt, Stadtzentrum am Ostufer der Moldau
Nádra¾i' -- Bahnhof. Wilsonové oder Hlavní Nádra¾í ist uebrigens der Hauptbahnho.
Most -- Bruecke (z.B. Karlùv Most)
Namìstí (kurz Nam.) -- Platz, auf deutsch manchmal auch als Ring uebersetzt
Trh (das Wort heisst echt so, das R ist der Vokal) -- Marktplatz
Sady und Zahrada -- Parks und Gaerten.
Dùm -- Haus
Nábøe¹i -- Uferpromenade

Apropos Uferpromenade, am Suedostufer der Moldau, direkt an der Bruecke Jirásku>v Most (Metro zum Karlovo Nam., dann nach Westen Richtung Moldau), findet man das Tanèicí Dùm, das tanzende Haus. Die weibliche Haelfte heisst Ginger, die maennliche Fred. Mit etwas Geschick kann man es sogar von der Strassenbahn 22 oder 23 aus sehen, während sie ueber die Most Legii ein wenig weiter nördlich faehrt, indem man, sobald man am Westufer ist, in die diagonal entgegengesetzte Richtung vom Hrad schaut.

Bei Straßennamen muss man noch wissen, dass das Wort Straße bzw Boulevards (ulice bzw tøida) immer weggelassen wird! Deswegen steht es oben nicht in der Liste. Man erkennt Straßen meist an dem -ska oder -ova. Die gar nicht so unhübschen prager Strassenschilder kann man übrigens legal an den Touristenshops kriegen, ist ein nettes Souvenier -- vor allem, wenn man ein völlig unverständliches wie "Újezd" oder so ersteht. ;-)
 
2008-08-26 14:39

 
 24.02. 2004: Josefov /\ 
 
Praktischerweise ist Pavla mit einem halben Dutzend saarbrücker Tschechischkursteilnehmern am Sonntag hier angekommen, und gibt uns diese Woche eine Führung durch den zum jüdischen Museum erklärten Teil des Stadtteils Josefov. Man findet den Eingang zum Museum nämlich nicht so leicht, man geht von der Metrostation Staromìstská ein wenig Richtung Norden, bis zum Wort Høbitova in einer Gasse. Drei Tipps:

- Auf der Eintrittskarte stehen neben den 6 Gültigkeitsstätten je aktuell gedruckte Uhrzeiten, zu denen man jeweils da sein soll. Das ist ernst gemeint, in den kleinen Gassen und Pfaden ist nämlich kein Durchkommen, wenn jede Gruppe ihre eigene Strömung erzeugt. Dieses System haben wir natürlich erst nach einer Stunde bemerkt, als uns zum dritten mal eine Horde Spanier über den Haufen rannte... Zum Glück war gerade Winter und keine Touristensaison, im Sommer geht es nämlich gar nicht anders als nach diesem Zeitplan.
- Zweitens sollten Männer natürlich nicht vergessen, irgendeine bequeme seriöse Kopfbedeckung mitzunehmen (Jackenkapuze geht zwar auch, aber dann hört man die Führung nicht mehr so gut), sonst müssen sich sich dort eine Kippa aus Papier leihen, die bei jedem Windhauch wegfliegt.
- Drittens: Nicht samstags kommen. Da is' nix Tourismus.

Mit der Eintrittskarte kommt man dann in Josefov in mehrere zu Museen umfunktionierte Synagogen, und auf einen überfüllten Friedhof (Høbitova), wo die Gräber in 20 Schichten aufeinander sind. Da die Juden lange ausserhalb des Ghettos nichts tun durften (ausser vielleicht in den Geschäften der anderen ihr Geld ausgeben?!), drängte sich über hunderte Jahre alles auf einem halben Quadratkilometer...!

Auf den Gräbern kann man, abgesehen von hebräischen Inschriften, auch Reliefe erkennen, die den Namen der Person symbolisieren (Weintraub, Rosenthal, Gans, etc), oder ihre Zunft, oder den Stamm Israels. Der Stamm Kohen wird z.B. durch segnende Hände dargestellt, bei denen der Ring- vom Mittelfinger weggespreizt ist -- wem kommt das bekannt vor? Mister Spocks "Vulkanischer Gruss" lässt grüssen...!!
Hier liegt auch das (u.a. in Blindenschrift gekennzeichnete) Grab des Rabbi Löw, dessen Golem-Diener statt zu arbeiten versehendlich die Josefstadt demontierte -- die universelle Sage der "Geister die ich rief"... Den Staub der Golemtrümmer (denn er explodierte wegen Überarbeitung) findet man übrigens auf irgendeinem Dachboden da. ;-)

In den Synagogen/Museen sieht man (Anfang 2004) u.a. eine Ausstellung von Postkarten, und Kinderbildern ("Spielplatz für jüdische Kinder verboten" z.B., aber auch Schmetterlinge), die in der --nach der Ermordung der Deportierten-- verlassenen Theresienstadt gefunden wurden. Ausserdem silberne Zeigefinger als Zeilenhaltehilfe für die Torahvorleser, und Photos und Utensilien jüdischer Bräuche (z.B. die Zunft der Begräbnisbruderschaft).
Viele der ausgestellten Schriftstücke sind ausser auf Tschechisch und Hebräisch auf Deutsch (u.a. in Fraktur, und Sütterlin?), so dass man sie selbst im Original lesen kann, z.B. eine Aufforderung an alle Juden, ihre Schallplatten, Grammophone u.a. den Nazis abzuliefern -- warum, stand allerdings nicht dabei... Oder ein damaliger "Skandal" eines jüdischen Kindes, das von seinem aggressiven Vater zu den Jesuiten flüchtete, als "Moritat"-ähnliche Bildergeschichte aufgemotzt.

Die Pinkassynagoge wurde komplett zu einer Gedänkstätte umgestaltet -- alle Wände sind völlig voll mit 80'000, nach Städten und Nachnamen sortieren Personennamen von Holocaustopfern, die an einem besonderen Tag alle laut vorgelesen werden. Nach den zahlreichen Renovierungsarbeiten, die in Prag in den 90ern überall stattfanden, war es ziemlich hart, dass auch hier das Jahrhunderhochwasser 2 Meter hoch stand, und sie mit der Beschriftung von Hand z.T. (erfolgreich) wieder von vorne anfangen mussten.

Die Spanische Synagoge ist innen völlig mit Mustern bemalt, und Frauen durften nur von der Empore aus zuhören; viele Fenster enthalten deutsche Widmungen von Sponsoren mit (auf den ersten Blick ungewohnten) Jahreszahlen nach jüdischer Zeitrechnung. In der sogenannten "alten neuen Synagoge" gibt es sogar extra Fenster, durch die die Frauen von aussen zuhörten, da sie nur zu bestimmten Feiern (z.B. ihre eigene Hochzeit) reindurften. Wir Tschechischkurslerinnen wissen natürlich, dass die Frauen halt selber lesen konnten, und sich die Torah nicht wie die Männer vorlesen lassen mussten. ;-) Es gibt heute nur noch eine einzige moderne jüdische Gemeinde in Prag (deren Gemeindeleiter z.B. auch mit einer Nichtjüdin verheiratet ist), wir haben über den ganzen Tag dort nur zwei orthodoxe Juden gesehen, die von ihrem Leben als Touristenattraktion sicher schon genervt waren.

Im Stadtteil Josefov sieht man ansonsten krasse Jugendstilhäuser mit krass teuren Restaurants und Parfumgeschäften und so, die anfangs des 19. Jahrhunderts statt des abgerissenen Ghettos gebaut wurden. Die teuerste Edelhauptstrasse dort heisst Paøi¹ká.

Die hebräische Uhr, die angeblich mit hebräischen Zahlen beschriftet ist und im Gegenuhrzeigersinn läuft, haben wir nicht gefunden. Sie soll sich in der Maiselova 18(?) in einem Turm eines Eckhauses befinden -- der Trick ist, die Hausnummern lesen zu können, es gibt nämlich zwei Nummerierungen, eine rote und eine blaue, und die eine ist die falsche, aber wir wissen nicht mehr, welche.
 
2008-08-26 14:39

 
 24.02. 2004: Sightseeing 2 /\ 
 
Ansonsten haben wir am Dienstag ein riesiges Metronom gefunden, ich weiss leider nicht mehr wo, irgendwo zwischen Josefov und Stare Mìsto. Aber es war offenbar früher ein Stalindenkmal aus Granit, das gesprengt und durch das, am Ende einer Promenade etwas seltsam platzierte "Riesen-Taktell" ersetzt wurde.

Auf dem Weg kamen wir (endlich) am Ovocni Trh und somit auch am Karolinum vorbei (jetzt weiss ich auch, wo ich falsch abgebogen bin), wo die Studenten ihre Diplome kriegen. Echt schöner Platz, sollte man definitiv nicht verpassen. Auch wenn man keinen Kubismus mag, ist dort ein schönes Haus names "schwarze Maria", und ein Eingang zur Einkaufspassage Myslbek und zu noch einer anderen, wo es "Villeroy und Boch"-Sachen gibt...

Dann waren wir (noch mal) beim Pra¹na Brana und beim Obecni Dùm, nur dass wir uns dieses mal unter der abenteuerlichen Anstiftung von Pavla an den seltsam altmodisch uniformierten Werbewächtern vorbeitrauten, und einfach reinlatschten. Das ganze ist nämlich ein Jugendstiliger Luxusbau, in dem sich die Leute Aufführungen und Konzerte schon alleine wegen des Gebäudes ansehen. Ich sag nur: Gold mit grünen Kacheln und Kronleuchtern... Wir haben relativ lange durchgehalten, bevor wir bemerkt und rausgebeten wurden. Sin' mir punkig, ey. ;-) Das UG und das EG haben wir gesehen, ins OG war dann doch zu auffällig.

Unterwegs sahen wir noch zwei Gedenkstätten, eine mit einem Relief von in einer "Wir sind unbewaffnet, friedlich und ergeben uns"-Geste ausgetreckten leeren Händen, die an die protestierenden Studenten erinnert, die in dieser engen Passage in der Narodni Tøida von Polizisten umzingelt wurden; und eine zweite an der FF (Philosophischen Fakultät neben dem Rudolfinum), die an den Studenten Jan Palach erinnert, der sich Ende der 60er öffentlich selbst verbrannte, um gegen den mangelnden Widerstand gegen kommunistische Besatzer zu demonstrieren (offenbar mit Erfolg).
 
2008-08-26 14:39

 
 24.02. 2004: Essen 1 /\ 
 
Ausser Sightseeing war unsere Saarbrücker Reisegruppe "v hospodì a v kavarnì", also in der Wirtschaft und im Cafe. Als ein gutes Restaurant mit normalen Preisen inmitten von Touristenfallen empfiehlt sich übrigens das "u Rudolfinu" in der Nähe des Rudolfinums. Zudem ist es praktischerweise innen grösser als aussen, und bietet alles was die tschechische Küche hergibt (ausser Schwarzbier :-( ).

Das schwere Essen kann man nur mit Hilfe von basischem Pilsener verdauen, und die durch das Bier verursachte Müdigkeit nur durch Kaffee bekämpfen -- daher waren wir noch im Cafe Louvre, wo es heisse Schokolade gibt, in der "der Löffel stehen bleibt", Riesen-Sachertorte mit Sahne ("Sachr Dort",) und "Wiener" Kaffee (Videòska) mit 70% Kaffee und 30% Sahne. In solch einer Künstlerumgebung (auf jedem Tisch liegen Notizzettel und ein seines Logos beraubter IKEA-Bleistift, damit werdende Dichter ihre Ideen sofort zu Papier bringen können) plauderten wir mit dem Photografen Libor. [...]

Libor hat uns geraten, wir sollen ins Cafe Imperial gehen, und dort für 1000 Kronen (33 Euro) alle alten Donuts vom Vortage kaufen; in dem Preis inbegriffen ist nämlich das Recht, eine Szene aus einem Roman nachzuspielen, wo eine Figur Donuts auf die Gäste des Cafes wirft. Für Tschechen sind Donuts übrigens das ultimative exotische Essen, und sie kommen meilenweit, weil sie wissen, dass man bei jedem gekauften Kaffee dort einen Donut inklusive kriegt. Aber ansonsten geht's uns "supr", danke der Nachfrage! 8-)
 
2008-08-26 14:39

 
   
2008.08.26

http://www.ruthless.zathras.de/