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Angewandte Realitätsferne

Ein Blog über ERASMUS-Austausch mit Prag aus der Sicht eines Computerlinguisten (auch interessant für Linguisten und Informatiker und allgemein für Austauschstudenten in Prag).

Alphabetischer Index:
Caput RegniEinkaufen 1Einkaufen 2Einkaufen 3Essen 1Essen 2Essen 3
Essen 4Essen 5 Essen 6EUFußballGaiman was hereGeheimnamen
HandyHockeyInsiderwissen JosefovKino, Oper, MusikKleinkram John Lennon
Linux-ExpoMetroMetroMFF Mala StranaMondfinsternisMusikNo? No. No!
OrientierungOrientierung 2Park(en) erlaubtPost, Polizei, NahverkehrRadioSchein oder nicht ScheinSemesterbeginn
Sightseeing 1Sightseeing 2Sightseeing 3SpazierenStromausfallTelephon!Theater
Tschechisch 1Tschechisch 2Tschechisch 3Tschechisch 4Tschechisch 5Tschechisch 6Übungsgruppen
UngarninvasionUNIXWinterschuleWohnheimWohnheim 2Wohnheim 3Zusammenfassung

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 01.05. 2004: EU /\ 
 
Argh. Ich hatte mir ja schon mal die Frage gestellt, was die Tschechen und Slowaken von der EU halten, ist das gut für sie, egal, schlecht, all of the above? Heute lese ich in der Zeitung, dass es in Slowakien Hamsterkäufe gegeben hat, nachdem jemand das Gerücht verbreitet hat, das Reis, Zucker, und Salz unbezahlbar teuer werden würden... In Tschechien rechnet man auch zumindest mit einem krassen Preisanstieg aufgrund neuer Import-Gesetze. <In fast leeren Zuckerstreuer guck> Mist, hätte doch noch schnell Zucker kaufen sollen, Paaanik!

Außerdem haben alle blaue Luftballons mit gelben Sternen, nur ich nicht. Das ist nicht nett.

PS: Also bis jetzt sind die Preise noch nicht spürbar teurer.
 
2008-08-26 14:39

 
 04.05. 2004: Mondfinsternis /\ 
 
Schick. Vor meinem Fenster ist gerade die angekündigte Mondfinsternis. Irgendwie juckt das keinen, Mondfinsternisse sind doch ständig, nicht? Aber rechnerisch sind sie angeblich sogar seltener. Man sieht halt eine Mondfinsternis gleich auf dem halben Planeten, und das mehrere Stunden lang, wohingegen man einen Sonnenfinsternis immer nur für Minuten auf einem schmalen Streifen beobachten kann. Es gibt eigentlich ständig Sonnenfinsternissse! -- Im Ozean, in der Antarktis... ;-)

Hehe, die Adaption des Auges ist schon was lustiges. Vor einer halben Stunde habe ich den Mond noch auf Anhieb klar gesehen, photographieren geht allerdings schwierig, man findet ihn fast nicht im Sucher. Inzwischen isser wech. Man kommt auf den Balkon, guckt 5 Sek treudoof den schlagartig leeren Himmel an, und zack, schalten die Augen um, und plötzlich sieht man ihn doch wieder.

( Apropos "der" Mond und "die" Sonne. Weiss irgendwer, warum die Rollenverteilung ist Deutschland da genau umgekehrt ist wie im Rest der westlichen Welt? Kinder zeichnen die Sonne als lachende Frau, und den Mond als alten Mann. Obwohl ich den umgekehrten Fall eigentlich auch nicht unplausibel finde. )
 
2008-08-26 14:39

 
 08.05. 2004: Kleinkram /\ 
 
Inzwischen haben mir mehrere Tschechen versichert, das Èeèko genau so wenig die Verniedlichungsform des Buchstabens C sein könne, wie jednièka die von "jeden" (eins), da beide Bildungen völlig normale erwachsenen Substantive seien, wie im Deutschen z.B. "der Einser". OK, vielleicht klingen sie ein wenig so, weil sie zufällig genauso wie der Diminutiv gebildet werden -- aber das hat nichts zu bedeuten!! M-hmm... In Schwaben und der Schweiz sind Pferdle und Rössli auch ganz normale Substantive. =-)

Eine Tschechin vom International Club (kann mir mal jemand verraten, warum die alle fließend Deutsch können? Wie soll man so Tschechisch lernen...) hat mir sogar eine Anekdote erzählt, die beweisen sollte, dass die Tschechen in Wirklichkeit gar nicht alles immer unbedingt verkleinern müssten: Irgendein Cousin oder so hat sich, als er als Kind für voll genommen werden wollte, geweigert, irgendetwas zu benutzten, was auch nur im entferntesten nach Diminutiv klang. Dadurch entstanden interessante Übergenerierungen wie "jabl" (jablko=Apfel) oder so... Die anderen Beispiele habe ich vergessen, aber sie waren alle ungefähr so sinnvoll wie im Deutschen Eichhörn, Mäd oder Plätz zu sagen. :-D

Ich frage mich, ob es parallel zu den Regeln zur Verkleinerung (Verniedlichung) auch Regeln zur Vergröberung (Vergrässlichung) gibt? Es gibt z.B. Hündchen, Hund, Köter: psièek, pes, psisko. Aber ist das nur mit Hund so, oder geht das mit allen Wörtern?

Haha, ertappt: Laut meinem Lehrbuch können im Tschechischen sogar von Adjektiven und Adverbien Diminutive gebildet werden, desweiteren sogar Diminutive von Diminutiven (strom, stromek, stromeèek: Baum, Bäumchen, Weihnachtsbaum!). Ich spreche korrekterweise also nicht "trochu" (ein wenig) Tschechisch, sondern "tro¹ku", wenn nicht sogar "tro¹ièku"! Es chlyses bitzli, würde man in der Schweiz wohl 1:1 übersetzen?

PS: Preisfrage: Wie nennt ein Tscheche ein Objekt, dass 100'000 Mal größer als der Planet Erde ist? "Slunièko", Sönnchen! :)
 
2008-08-26 14:39

 
 15.05. 2004: Kino, Oper, Musik /\ 
 
Da zwar viele, aber noch nicht alle Englisch können, gibt es hier auch ziemlich viel tschechische Popmusik, und tschechische Musicals (mit berühmten Stars wie Lucie Bílá! Oder so.), bzw wie bei uns auch Übersetzungen von englischen Musicals. Wie mir versichert wurde, ist z.B. die tschechische Fassung von Jesus Christ Superstar bei weitem besser als das Original. :) Die tschechische Fassung von Falcos "Jeanny" verleitet die Tschechen allerdings zu der Annahme, es könnte auch in dem Originallied um schnöden Hosendiebstahl gehen, weil Jeanny wie Jean(s) mit tschechischer Pluralendung -y klingt...

Im Vergleich zu Deutschland, wo es 1 guten inländischen Film pro Jahr gibt, wenn man Glück hat, gibt es hier anscheinend genausoviele beliebte tschechische Filme wie ausländische in den Kinos. Tschechische Musicals gibt es zur Zeit zu den Themen Galileo Galilei ("Ein Musical voller 'Stars'" -- Ha. Ha.), und Exkalibur. Letzteres schwimmt auf der Lord of the Rings Welle mit, so wie die jungen Leute, die hier mit weiten Klammotten und Schwertern zwischen Rücken und Rucksack herumlaufen... Ein Tschechischer Informatiker hat mir einen Tonmitschnitt von einer TolkienCon gegeben, wo 2 Jungs den Herrn der Ringe in 20 Minuten zusammenfassen -- auf Tschechisch gesungen, als Mini-Musikal. Das Publikum findet's witzig. :)

Apropos tschechischer Humor: Gerade hängen hier so Werbeplakate aus, auf denen der Kinofilm "èesky sen" ("ein tschechischer Traum") beworben wird. In den Hauptrollen: "Die Bürger der Tschechischen Republik". Auf dem Bild: Zwei typische Tschechen, die den Betrachter ernst und super unschuldig anschauen, und sichtlich gerade erst einer Lynchjustiz entgangen sind. Der Werbeslogan sagt über sie: "Sie fälschten ein Einkaufszentrum. Sie lockten tausende Leute an. Warum? Die erste tschechische Kino-Reality-Show." Ein Einkaufszentrum fälscht man übrigens, indem man eine riesige regenbogenfarbige leere Wand auf einem Messegelände aufstellt, und dann in ganz Prag aggressiv Werbung für die "Neueröffnung" macht. Die Anwohner fanden das Auftauchen des "Gebäudes" über Nacht offenbar nicht seltsam. (Aber fragt Tschechen nicht, was sie von Èeský Sen halten, die antworten dann nur genervt "Ooooooh..." und beteuern dann, dass sie davon nur wissen, weil die Mutter der Freundin jemanden kannte, der da war...) Also, falls ihr mal ein goldenes Nichtschen bestellen wollt: www.ceskysen.cz.

Außer kulinarisch für Bier und Essen, und kulturell für Dvoøak, Smetana und Kinderfilme, ist Tschechien ja auch noch für seinen Nationalsport Eishokej bekannt. Also, zumindest unter Leuten, die sich für Sport interessieren. Dementsprechend wäre es auch nicht verwunderlich, wenn es dort ein Musical aus dem Themenbereich Eishokej gäbe, nicht? Aber nein, es gibt keines. Das neue Stück "Nagano" über den Sieg der Tschechen in der Eishokej-WM in Japan ist selbstverständlich eine ausgewachsene Oper, und angeblich eine ernste dazu. Seit Frühling 2004 im Stavovské Divadlo -- wenn ich nicht wüsste, dass ich weder von tschechischen Opern noch von Eishokej ein Wort verstehe, würde ich ja hingehen.

PS: Die Tschechen haben die Eishokej-Weltmeisterschaft 2004 natürlich wieder gewonnen -- wenn vielleicht auch nicht offiziell... Offiziell schien es so, als wären sie ganz haarscharf in der letzten Minute einer Vorfinalsrunde rausgeflogen. Und offiziell schien es auch, als hätte das Team aus Kanada dieses Jahr das Finale gewonnen. Aber, da ja Tschechien wiederum in der allerersten Runde haushoch gegen Kanada gewonnen hatte, ist natürlich klar, wer der wahre Sieger ist, nicht...? ;-)

PPS: Apropos Kinderfilme: Erwachsene Männer sagen hier auf offener Straße bei Verwunderung tatsächlich "Jé!", genau wie der Maulwurf! Man lernt also ausser "Ahoj" doch noch eine zweite reale Vokabel daraus, auch wenn die meisten Kinder sich in diesem Alter noch nicht sicher sind, ob nun Maulwürfe tschechisch, oder Tschechen maulwurfisch sprechen.
 
2008-08-26 14:39

 
 21.05. 2004: Tschechisch 6 /\ 
 
Irgendwie lernt man Sprachen tatsächlich grob in der selben Komplexitätsreihenfolge, wie die Linguistik aufgebaut ist, also Phonetik--Syntax/Morphologie--Semantik--Pragmatik:

Anfangs ist man froh, wenn man Laute wiedererkennt, z.B. das Ø kann man ziemlich gut erkennen, auch wenn man es nicht selber sprechen kann. Für einen Anfänger ist es schon mal ein Erfolg, durch Hören herauszufinden, wie etwas geschrieben wird, um es nachzuschlagen. (Tipp: CH alphabetisch hinter H suchen tut wahre Wunder.)

Dann, wenn man sich an die typischsten Lautfolgen und ein paar sehr häufige kleine Wörtchen und Endungen gewöhnt hat, erhöht sich zugleich die Chance, Wortgrenzen zu erkennen. Ich weiss allerdings nicht, ob man zuerst Endungen an ihrer Häufigkeit erkennt, und daran dann Wortgrenzen, oder ob man die Wortgrenzen an der Intonation erkennt, und daran die Endungen. Wäre mal interessant, herauszufinden.

Wenn man dann mal einzelne Wörter als solche erkennt (schierer Luxus!), erkennt man auch bald einzelne Phrasen, NPs und APs, mit etwas Phantasie auch mal PPs, oder kürzere VPs. Ob man sie auch versteht, ist was anderes, aber man hat jetzt wenigstens Mal eine Chance, etwas zu verstehen zu versuchen. Die Bedeutung von einem unbekannten Wort zu raten ist schließlich leichter, wenn man die Wortart schon raten konnte. ;-)

Die Konjuktionen erkennt man auch relativ schnell wieder, aber wenn ein Satz eine Konjunktion enthält, ist er gewöhnlich für einen Anfänger zu lang, um ihm noch folgen zu können: Man erinnert sich entweder an den ersten oder den letzten Teil, oder drei Wörter dazwischen -- so wie das "Fenster", dass das eine neuronale Netz bekommen hat, als es englisch lernen sollte. Bei kurzen Sätzen rät man sich so mit Hilfe des Kurzzeitgedächtnisses durch, das sich den Klang des Gehörten noch die drei Sekunden merken kann, die man braucht, bis das Gehirn alle Vokabeln nachgeschlagen hat. Ich kann meinem Gehirn beim Tschechischvokabeln suchen regelrecht zuschauen, so lange dauert das. ;-) Über Pragmatik kann ich nix schreiben, soweit bin ich noch nicht. =-)

An phonologische Unterschiede gewöhnt man sich aber relativ schnell, z.B. findet man es bald beinahe schon logisch, dass aus -ka -ce wird, oder aus -ha -ze, und ähnliches. Die nächste Ebene dauert schon länger, wie Phrasen (z.B. [TsoCHtsäsch]) richtig zu segmentieren -- als Deutschmuttersprachler tendiert man zu [TsoCh Tsäsch], aber richtig wäre [Tso CHtsäsch] = "Co Chce¹" = "was du willst"!

Das frechste in der Phonologie ist allerdings "das flüchtige E", das bei völlig anderen Wörter wieder Asyl beantragt! :-o Was hat z.B. "Pes" ("Hund") bitte mit [Spsäm] zu tun? Na Klar, "s psem"="mit dem Hund"... Jo, warum sollte man das auch "pesem" aussprechen, das wäre ja auch zu naheliegend... ;-) Der Umgekehrte Fall: Man kennt "Matka"="Mutter", aber was ist "Den Matek"? Im Genitiv Plural ("Muttertag") des einen Wortes kommt das verschwundene E von dem anderen reuselig zurück! -- Es hat mir tatsächlich ein Tscheche erklärt, dass müsse so sein, weil man schliesslich zuviele Konsonanten nacheinander ("Matk") nicht aussprechen könne... Mh-Hmmm... ;-)

Aber das mit den vielen Konsonanten gehört auch zu den Dingen, an die man sich gewöhnt. Wie mein Bruder nach zwei Tagen Prag fast enttäuscht feststellte: "Die schreiben einfach die 'Schwa's nicht, weil sie das E schon für das Ä brauchen!"

Apropos dem Gehirn beim Vokabeln nachschlagen zusehen: Man sieht auch den Tschechen das Backtracking an, wenn man sie mit "mittelrichtigem" Tschechisch anlabert... :-P
 
2008-08-26 14:39

 
   
2008.08.26

http://www.ruthless.zathras.de/