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Angewandte Realitätsferne

Ein Blog über ERASMUS-Austausch mit Prag aus der Sicht eines Computerlinguisten (auch interessant für Linguisten und Informatiker und allgemein für Austauschstudenten in Prag).

Alphabetischer Index:
Caput RegniEinkaufen 1Einkaufen 2Einkaufen 3Essen 1Essen 2Essen 3
Essen 4Essen 5 Essen 6EUFußballGaiman was hereGeheimnamen
HandyHockeyInsiderwissen JosefovKino, Oper, MusikKleinkram John Lennon
Linux-ExpoMetroMetroMFF Mala StranaMondfinsternisMusikNo? No. No!
OrientierungOrientierung 2Park(en) erlaubtPost, Polizei, NahverkehrRadioSchein oder nicht ScheinSemesterbeginn
Sightseeing 1Sightseeing 2Sightseeing 3SpazierenStromausfallTelephon!Theater
Tschechisch 1Tschechisch 2Tschechisch 3Tschechisch 4Tschechisch 5Tschechisch 6Übungsgruppen
UngarninvasionUNIXWinterschuleWohnheimWohnheim 2Wohnheim 3Zusammenfassung
 
 13.02. 2004: Caput Regni /\ 
 
Die Hauptstadt der Konsonanten (von Insidern "hl.m." genannt) begrüßt ihre Gäste am Flughafen stilecht mit riesigen Leuchtlettern: PR_HA ! Die Gäste antworten höflich "Xundheit", und denken sich, gut, dass nicht das andere A ausgefallen ist, sonst hieße es "Staub", so bedeutet es wenigstens nur "Arnika" (laut Wörterbuch).

Die nicht-gotischen Randbezirke Prags sehen auffällig wie meine und deine zentraleuropäische Stadt aus. Auf den neugebauten Bürokomplexen steht "T-Mobile", die heimkehrenden Buspassagiere haben "MediaMarkt"-Tüten in der Hand, und die Buswände ziert Hornbach- und Obi-Werbung.
Seltsamerweise scheinen hier wie da alle Werbeplakate, handgestrickten Regenbogenwollhandschuhe, Kaffeeautomaten, und Eiskrem- und Würstchen-Voransichtstafeln des europäischen Kleinhandels in der selben Grosshändlerzentrale hergestellt zu werden...

Wenn man gucken will, wie's Wetter vor der Ankunft ist, hier zwei Webcams aus
den touristisch interessanten Ecken Prags, der Karlsbrücke http://www.visitprague.cz/okno.php3?s1=webcam&s2=bridge&lng=en und dem Altstädter Ring http://www.visitprague.cz/okno.php3?s1=webcam&s2=oldtownsquare&lng=en.

Apropos Buspassagiere: Die Metros , Busse und Straßenbahnen sagen brav die Haltestellen an, und alle Haltestellen besitzen auch für doofnasige Nichttschechischkönner leicht verständliche Linienpläne. Dass die ständig gleichbleibende Metro-Durchsage der erste Satz ist, den jeder auswendig lernt, muss hier nicht extra wiederholt werden... Nicht wundern, wenn in Prag alle Wege in den Metrostationen scheinbar nicht nach Rom, sondern ins Wohnheim führen, "Kolej" heisst anscheinend auch "Gleis".

Die Metrostationen sind generell immer ein sehr guter Orientierungspunkt, und wenn man einen Stadtplan hat, der auch Busse und Bahnen enthält, kann man die öffentlichen Verkehrsmittel bald "total optimieren": Metro für Langstrecken diagonal durchs Zentrum, Busse nach aussen (z.B. Flughafen) und nachts, und Strassenbahnen für Kurzstrecken im Zentrum oder in u-bahnlose Vororte. Die Prager Informatik hat z.B. die Tramvaj-Haltestelle Malostranské Namìstí direkt vor der Tür (Linie 23 und 22 z.B.).
 
2008-08-26 14:39

 
 13.02. 2004: Wohnheim /\ 
 
Das Kolej (Wohnheim) ist für einen Austauschstudenten der erste Ort, den man
aufsucht. Mein Wohnheim ist in der Südstadt, Ji¾ní Mìsto. Auf dem Weg
dorthin kommt man zwar schon an der Prager Informatik vorbei, aber man sieht nix, weil Metro unterirdisch. "Duh."
An der Zielbushaltestelle Kolej Ji¾ní Mìsto oder wahlweise Volha (die letztere liegt vor, die erstere hinter den Wohnheimen), angekommen, sieht man schon die Paneláky, die Plattenbauten. Es gibt dort gleich ein halbes Dutzend solcher Wohnheime, Blanice, Volha, Otava, Vltava, Sastrava, mit je mindestens 1000 Studenten, schätze ich: Je 10 Stockwerke mit je um die 25 Zimmer pro Flur mit je 4 Bewohnern. Viele Zimmer haben sogar einen Balkon, alle haben offenbar eine eigene Küche mit Bad, also nicht übel.

Eine tschechische Studentin, die mich zufällig an der Rezeption radebrechen hört, opfert sich freiwillig, mir den Weg zum Kolej Vltava zu zeigen, "aber nur, wenn ich will", ein erstes Beispiel für die Unaufdringlichkeit der Tschechen (nicht ironisch). In Italien z.B. wäre ich inzwischen schon mit der Rezeptionistin verfehdet und mit drei hilfreichen italienischen Studenten verheiratet. In Schweden hingegen hätte mir die Rezeptionistin inzwischen schon ihre Lebensgeschichte erzählt, die garantiert enthalten hätte, dass sie Verwandte in Deutschland hat, und ihren Ehemann vor 10 Jahren tot im Zimmer liegend aufgefunden hat, und seither Witwe ist.

Als erstes sprachliches Erfolgserlebnis entlocke ich dem Rezeptionisten, (der inzwischen die 2. Seite der Namensliste mit den Buchstaben ab H gefunden und den Zimmerschlüssel rausgesucht hat), ein Grinsen mit meiner extra auswendiggelernten und silbenweise vorgetragenen Frage nach Betttüchern zum Ausleihen: mo-hla bych vy-puj-èit lo¾-ni prad-lo. Ich bin stolz! Er hat mich verstanden! Is mir schompegal, ob ich das falsch dekliniert hab.

Erster Eindruck: Im Vergleich zu Saarbrücker Wohnheimen ist das Kolej Vltava in der Zimmereinteilung wie das "Guckelsberg", von der Unpersönlichkeit der Flure her wie das "Waldhaus", und von der Kultigkeit her (Heimbar etc) wie das "D". Manche Sachen sind tatsächlich ein wenig verschlissen, aber noch völlig im brauchbaren Zustand und sauber. Meine Mitbewohnerinnen sind Katarina, Radka und Nelly, wovon letztere nur Tschechisch spricht und ein ideales Opfer für meine sprachlichen Radebrechungen abgibt, muhahahah. Katarinas und Radkas Zimmer ist übrigens innen persönlicher eingerichtet als der äusserliche Schein es vermuten liesse, angeblich in Osteuropa ein häufiges Phänomen, aussen grau, innen gemütlich.

Mehr Info über Kolej Ji¾ní Mìsto gibt's hier http://www.tvojevolba.cz/prvacijizak.html, und hier noch eine nützliche Wegbeschreibung http://fph.vse.cz/fakulta/kde_najit/jizni_mesto.asp (alles auf Tschechisch).
 
2008-08-26 14:39

 
 14.02. 2004: Sightseeing 1 /\ 
 
Dank Metro findet man auch als locationally challenged person problemlos den Weg zurück ins Zentrum, z.B. zum Narodni Muzeum, wo der blaukarierten Behauptung des Stadtplans nach eine Fußgängerzone anfangen soll. Das Muzeum ist ein zur Orientierung gut wiederzuerkennender freistehender Kasten (nein, nicht zu verwechseln mit dem "Haus des Tschechischen Kubismus'") an der Stirnseite einer trotz seiner eher Circus Maximus-mäßigen Form Namìstí (Platz) genannten Anlage, die auf den Namen Vaclav hört, oder auch nicht.

Geht man (unter dem strengen Blick der Vaclav-Statue) den Wenzelsplatz bis zum anderen Ende entlang, kommt man an der Metrostation Mùstek vorbei -- den ganzen Tag überlege ich unterbewusst, was das wohl bedeutet: Musik-Diskothek? Museums-Eck? Mücke? Schon schlimm genug, dass ich schon in der Metro und überall die Werbung zu verstehen versuche ("Jesus lebt!")... Aber am Abend sollte das Geheimnis gelüftet werden.

Vom Mùstek aus der Fußgängerzone nach rechts folgend stolpert man in einen dicken uralten Turm, der mit einem "Huch, wo kommt denn die Stadt um mich plötzlich her"-Gesichtsausdruck trotzig mitten im Verkehr steht. Nachträglich stellte er sich als Pra¹na Brána, Pulverturm heraus, der im Gegensatz zu seinem Heidelberger Pendant nicht von innen heraus in zwei Teile gebrochen war, was natürlich gar nichts über die Qualität des jeweiligen Schießpulvers aussagt. ;-) Von dem Pulverturm aus schwimmt man mit dem Strom der vormittäglichen Touristen schnell zum berühmten Staromìstké Namìstí. Das Zentrum der Altstadt ist der Ort für Photos (und Taschendiebe), allerdings warte ich doch lieber auf sonnigere Tage.

Banausischerweise habe ich aber das Orloj verpasst -- obwohl mir diese schön verzierte und aus Ringen und Sternzeichen bestehende Uhr bei meinem erfolglosen Versuch, die Zeit abzulesen ("Oh, is' schon einundzwölfzig-einhalb vor Krakelsymbol?"), zwar aufgefallen ist, und ich über die Massen an Touristen verwundert war, die auf etwas anders als die Uhrzeit zu warten schienen, kam ich leider nicht auf die Idee, zu warten, ob um 11 nicht irgendwelche Figürchen die Zunge rausstrecken, Drachen töten, Türchen öffnen oder Macarena tanzen würden, oder was auch immer es ist, was anständige tausend Jahre alte Prä-Kuckucke für die Touristen tun.
Später am Abend habe ich gelesen, dass ich bei der Uhr auch auf 4 drumherumstehende Figuren achten sollte, die Eitelkeit, den Geiz, den Tod und den Krieg. Und irgendwo muss da doch noch eine photogene Boyband herauskommen zur vollen Stunde...

Weiter auf touristischen Pfaden kann man sich anhand Souvenierstände zur nächsten Sehenswürdigkeit weiterleiten lassen. In den Gässchen der südlichen Altstadt gibt es viel Zeug, das dem Gehirn das Wort "Tand" aufdrängt: Politische Madrenuschkas, russische Pelzmützen (warum muss ich da an IKK denken?), CZECH-THIS-OUT!-T-Shirts, Stoff-Maulwürfe, und unterbeschäftigte Verkäuferinnen, die ihre seriös dreinblickenden Marionetten sexy zur Popmusik durch den leeren Laden tanzen lassen, zumindest bis sie merken, dass ihnen jemand dabei zuschaut. Achja, die haben hier sogar kleine Karruselle, in die man Marionetten hängt, und beim Drehen bewegt es das Steuerkreuz der Marionetten so, dass sie alle den ganzen Tag im Kreis marschieren! Tschechnologie!

Weiter Richtung Moldau kommt man direkt zu einem Tor, das (<guck> <staun> Aaaargh, Vorsicht, Ampel!) kommentarlos in die berühmte Karlsbrücke übergeht. Die Maler stellen dort ihre Stände mit konkreten und abstrakten Aquarellen auf, und Führerinnen erzählen Anekdoten über zugunsten von Maria hoch an Hauswänden hängende Laternen mit Bänkchen, oder so. Auffällig viele Deutsche unterwegs, und die multilingualen Händler passen sich an.

Direkt von der Karlsbrücke sieht man nicht nur den? die? das? Hrad, und Vögel, die mit einem "Des g'hört so"-Gesichtsausdruck auf den ausgestreckten Fingern der Statuen hocken, sondern v.a. kommt man direkt zur Prager Informatik und Computerlinguistik. Die antike Stahltür ist allerdings in geschlossenem Zustand nicht sehr einladend, und anstatt (wie beim Orloj...) dort ohne Reiseführer auch noch das Hrad zu übersehen, ging ich erst mal mit etwas zu Essen in der Tache wieder zurück. In den Metro-Stationen, z.B. konkret in dem Gang aus der Metrostation Chodov heraus, scheint aus irgendwelchen physikalischen Gründen punktuell ein starker Sturm zu herrschen, auch wenn es draussen windstill ist. Komisch.

Beim abendlichen Schmökern in der tschechischen Grammatik (jaaa, Linguisten tun sowas) fiel mir auf: Es gibt alle Vokale mit und ohne Èárka (Längenzeichen); nur das U gibt es noch zusätzlich mit Krou¾ek (Kringel) als Längenzeichen -- das O mit Èárka kommt hingegen (in tschechischen Wörtern) fast nie vor... Verdächtig... Ein weiteres grausames Geheimnis der tschechischen Sprache, das Jan Hus (seit des Aussprachewechsels des Ys zu I) in seinem Grab rotieren lässt? Vielleicht ist das lange U mit Krou¾ek die neue verdeckte Identität des sang- und klanglos verschwundenen langen Os mit Èárka? Und dann hiesse es nicht Mùstek... sondern Móstek... Brück-lein!

Die Tschechen geben übrigens im Zweifelsfall den Deutschen die Schuld für das Diakritika-Wirrwarr auf ihren Buchstaben -- Die deutschen Katholiken hätten Jan Hus ja schließlich gefälligst auf den Scheiterhaufen bringen können, bevor er die tschechische Schrift entwickelt hat!
 
2008-08-26 14:39

 
 16.02. 2004: Semesterbeginn /\ 
 
Nachdem ich den ganzen Sonntag meinen Schlepptop FVWM2-mässig weiterkonfiguriert hab (ein echtes Linux ist nie fertig...), beginnt am Montag hierzulande das Semester. Der Tag geht los mit Miete bezahlen, in der Bibliothek der Akademie Vìt um Internetzugang schnorren (leider inzwischen nur noch mit Ausweis, Mischt), Anmeldung im Studentensekretariat, Studententicket kaufen (yeah, ÖPNV rulez!), und in der Malostranska dem ERASMUS-Koordinator Präsenz zeigen.

In der Praxis hat das Studentenbüro Montags Vormittags natürlich zu, und der ERASMUS-Koordinator der Malostranska ist "im Gebäude unterwegs"... Apropos Gebäude, die Unigebäude in Prag sind... geringfügig cooler als die in Saarbrücken... 4 Meter hohe Decken, Marmortreppenhaus, neue (z.T. noch ungenutzte) Einrichtung, neuer Aufzug, neue Cafeteria, neuer Computerraum... Für Kleinstadtnasen, die Büroflure gewöhnt sind, die sich mit einem Blick überschauen lassen, sind diese Dimensionen mal was ganz neues... ("Eine Riesenhalle! Oder ein Flur? Und da noch eine! Und Türen! Und noch mehr Türen--!" usw) Die einzigen auffindbaren Nachteile: Die Türen sind immer ein wenig uneinladend geschlossen; 4 Stockwerke Treppensteigen verbraucht soviel Energie wie normal 6-8; und unter den Studenten gibt es hier scheinbar nur ca. 5% Frauen! Dozentinnen gibt es hingegen einige.

Nuja, der Doktorand, der mir dann mitteilt, dass der ERASMUS-Koordinator gerade nicht da sei, lässt mich netterweise kurz Junkmail checken (eMailsüchtige unter sich?), den Rest der Wartezeit vertrödle ich damit, mir ein paar Strässchen und das Orloj noch mal reinzuziehen. Auf dem Weg komme ich übrigens an dem Haus vorbei, wo uns' Karel jetzt den Cheffe macht, Institut der Tschechischen Sprache, hübsch türkis??

Pünktlich um Viertel vor trudele ich dann wieder auf dem Staremìstké Namìstí ein -- und begehe den Fehler, mir die letzten 10 Min vor dem, was auch immer das Orloj tun wird, bei den hübschen Gemälden an den Souvenir-Ständen totzuschlagen: Denn 10 Min später ist der schmale Teil des Platzes vor dem Orloj von einer riesigen Menschenmenge belagert... Nix da "sich einfach daneben stellen", dann hätte man so einen schrägen Winkel, dass man von der Uhr nichts mehr sehen würde...
Sich durchkämpfen also (das kleine Kind hinter mir wird noch in 30 Jahren nicht verstehen, warum seine Eltern seine Zeit auf diesem Platz verschwendet haben), und tatsächlich taucht die photogene Boyband schüchtern der Reihe nach hinter einer kleinen Türöffnung auf, das Skelett leutet die Glocke, irgendeine andere der vier negativen Symbolfiguren winkt ein wenig, das ist alles, was ich sehen kann -- Das Publikum bricht in begeisterten Applaus aus! Aha? "Mensch, die Uhr hat sich schon wieder bewegt! Komm, wir kommen in einer Stunde wieder, vielleicht schafft sie's ja nochmal!" ?? Ts. Ausserdem gibt es an der Uhr unten noch vier weiter Figuren, die aber beim Läuten nicht viel Initiative ergriffen, und die mir im Gegensatz zu den von den Touristen beachteten eher positiv erschienen (soll nur der Fairness halber erwähnt sein: Es ist keine Depri-Uhr).

OK, mit nachmittags erfolgreich ergattertem Semesterticket ging's dann wieder ab zur "©kola" (auf Tschechisch ist die Universität auch ©kola), wo der ERASMUS-Koordinator sich echt mega einen abbrach, mich zu akklimatisieren, inkl. lokalem Sofort-Account, eigenem Arbeitsplatz mit Türschlüssel, und supernetter (u.a. deutschsprachiger) Sekretärin. Also gut, ist nicht \meine\ Sekretärin... aber manchmal kommt's einem so vor. <staun> Hoffentlich hat er mich nicht mit irgendeinem Ehrengast verwechselt...??

Eine Sammlung von Links mit Informationen betreffs der Prager Informatik gibt
es hier: http://www.ms.mff.cuni.cz/all.html
 
2008-08-26 14:39

 
 18.02. 2004: Tschechisch 1 /\ 
 
Yeah, kaum hab ich meine erste Vorlesung auf Tschechisch gehört, sehe ich überall nur noch Háèeks und Èárkas! Ups, ne, sorry -- es schneit bloß. Hab zwar nur Bruchstücke verstanden, aber es besteht Hoffnung, des "g'hört so", dass man am Anfang einen Knoten im Parser hat...

Spracherwerbsselbstanalyse: Ich stelle fest, dass mein Gehirn a) hin und wieder auf Schwedisch (sic) parst, und b) ansonsten immer "Das Wort kenne ich! ... Das nicht... Aber das! ... Und das auch! ... Das nicht... Nein... Nope... Sorry... Ah, eine Konjunktion!" mitprotokoliert -- nur, der Zugriff auf die tatsächliche Bedeutung der Worte ist noch nicht schnell genug, dass ich am Ende den Satz verstehen könnte.

Irgendwann bildet sich aus der Wortwolke eine Bedeutungsillusion, und man bildet sich ein, man wüsste zumindest, um welches Thema es geht; z.B. hat sie (id est Hajièová persönlich!) ELIZA als Beispiel für linguistische Aspekte der Künstlichen Intelligenz beschrieben. Aber die Details, die mich ja gerade interessiert hätten (was sagt sie über Noam Ch.? Gibt es ein Skript oder nicht? Soll man ihr nun dumme Fragen emailen, oder nicht?) sind leider nicht durchgekommen. :-(

Die andere Vorlesung hab ich wohl verpasst, weil ich jemanden gefragt habe, wo sie ist, der es ganz genau wusste, sich aber im Semester geirrt hat... Und da wundern sich die Leute, warum ich immer so unverständig auf den Vorschlag reagiere, doch "einfach jemanden zu fragen"... =-P

Das Online-Vorlesungsverzeichnis der MFF ist nämlich zwar auf den 1. Blick sehr gut, auf den 2. ist es ein wenig dezentralisert, und man findet viele Details erst im dritten Anlauf auf einer völlig anderen Webseite. Weitersuchen lohnt sich. http://www.mff.cuni.cz/vnitro/is/sis/index.php
Hier noch der viel gesuchte Stundenplan der UTKL, die die philosophisch-linguistische Hälfte der CoLi darstellt: http://utkl.ff.cuni.cz/vyuka.html.en Rozvrh ist übrigens keine Abkürzung, das heisst wirklich Stundenplan auf Tschechisch.
 
2008-08-26 14:39

 
 20.02. 2004: Tschechisch 2 /\ 
 
Spracherwerbsselbstanalyse, zweiter Teil. OK, gut, ich kenne "jo" bzw "ano" ("Ja"), und "Ne" (Nein); was um alles in der Welt bedeutet es aber nun, wenn alle Leute in der Praxis eigentlich nur "no" sagen -- ja oder nein?? Meine aktuelle Theorie ist, es bedeutet "Tja" oder "Well, kind-a, like, you know?". Und wenn der Dozent "Tak" sagt, heisst das nicht "Danke", wie in Schweden, sondern "aaalso", das kapier ich ja auch noch. Aber was redet er die ganze Zeit von Chilli? Da es immer am Satzanfang von Aufzählungen auftauchte, tippte ich spontan auf "desweiteren" oder "ausserdem" -- naja, war nicht schlecht geraten, "èili" heisst anscheinend "oder". Reverse Engineering nenn' ich das.

Eine weitere witzige Neuentdeckung sind die Hintergrundprozesse, die das Gehirn "in seiner Shell mit & zu starten" scheint. Konkret: Ich lese irgendwo irgendwas, hab aber keine Ahnung, was es heisst, kommt ja ständig vor. Aber manchmal, zwischen eine und fünf Minuten später --ich denke schon lange nicht mehr an das Wort, und habe die Sache eigentlich schon vergessen!-- zack, kommt eine innere Stimme hinterhergerannt und sagt plötzlich mit hängender Zunge die richtige Übersetzung.... Huh?

Klar, im Nachhinein ist es jedesmal offensichtlich, es war vielleicht bloss eine deklinierte Form in einem Kompositum in einem neuen Kontext... oder so, so dass ich die Bedeutung nicht gleich wiedererkannt habe; aber dass sich das mein Gehirn selber überlegt, ohne dass ich drüber nachdenken muss??? Könnte es gerne öfters machen. Und bitte auch ein wenig schneller!

Wenn man übrigens den Eindruck hat, seine Dozenten nicht gut genug zu kennen, gibt es hier eine Anketa, sowas ähnliches wie eine Fachschaftsevaluation. Studenten scheinen (unanonym) die typischen Eigenschaften ihrer Dozenten zu beschreiben!
http://kiwi.ms.mff.cuni.cz/~skas/sanketa.shtml
Hab aber noch nicht alles gelesen, ist natürlich auf auf Tschechisch.
 
2008-08-26 14:39

 
 21.02. 2004: Orientierung /\ 
 
Der einzige Haken an exotischen Fremdsprachen ist: Man kommt sich im Alltag irgendwie doof vor, wenn man den Elephanten im Porzelanladen uebersieht, weil man nicht weiss, dass man nach einem Elephanten sucht, ne? Was ist also was?

Hradèaní -- "Hradschin", der Stadtteil der Prager Burg (Hrad)
Malá Strana -- die Kleinseite, das Westufer der Moldau, unter der Burg
Josefov -- Josefstadt, nördlichster Teil des Zentrums
Staré bzw Nové Mìsto -- Alt- bzw. Neu-Stadt, Stadtzentrum am Ostufer der Moldau
Nádra¾i' -- Bahnhof. Wilsonové oder Hlavní Nádra¾í ist uebrigens der Hauptbahnho.
Most -- Bruecke (z.B. Karlùv Most)
Namìstí (kurz Nam.) -- Platz, auf deutsch manchmal auch als Ring uebersetzt
Trh (das Wort heisst echt so, das R ist der Vokal) -- Marktplatz
Sady und Zahrada -- Parks und Gaerten.
Dùm -- Haus
Nábøe¹i -- Uferpromenade

Apropos Uferpromenade, am Suedostufer der Moldau, direkt an der Bruecke Jirásku>v Most (Metro zum Karlovo Nam., dann nach Westen Richtung Moldau), findet man das Tanèicí Dùm, das tanzende Haus. Die weibliche Haelfte heisst Ginger, die maennliche Fred. Mit etwas Geschick kann man es sogar von der Strassenbahn 22 oder 23 aus sehen, während sie ueber die Most Legii ein wenig weiter nördlich faehrt, indem man, sobald man am Westufer ist, in die diagonal entgegengesetzte Richtung vom Hrad schaut.

Bei Straßennamen muss man noch wissen, dass das Wort Straße bzw Boulevards (ulice bzw tøida) immer weggelassen wird! Deswegen steht es oben nicht in der Liste. Man erkennt Straßen meist an dem -ska oder -ova. Die gar nicht so unhübschen prager Strassenschilder kann man übrigens legal an den Touristenshops kriegen, ist ein nettes Souvenier -- vor allem, wenn man ein völlig unverständliches wie "Újezd" oder so ersteht. ;-)
 
2008-08-26 14:39

 
 24.02. 2004: Josefov /\ 
 
Praktischerweise ist Pavla mit einem halben Dutzend saarbrücker Tschechischkursteilnehmern am Sonntag hier angekommen, und gibt uns diese Woche eine Führung durch den zum jüdischen Museum erklärten Teil des Stadtteils Josefov. Man findet den Eingang zum Museum nämlich nicht so leicht, man geht von der Metrostation Staromìstská ein wenig Richtung Norden, bis zum Wort Høbitova in einer Gasse. Drei Tipps:

- Auf der Eintrittskarte stehen neben den 6 Gültigkeitsstätten je aktuell gedruckte Uhrzeiten, zu denen man jeweils da sein soll. Das ist ernst gemeint, in den kleinen Gassen und Pfaden ist nämlich kein Durchkommen, wenn jede Gruppe ihre eigene Strömung erzeugt. Dieses System haben wir natürlich erst nach einer Stunde bemerkt, als uns zum dritten mal eine Horde Spanier über den Haufen rannte... Zum Glück war gerade Winter und keine Touristensaison, im Sommer geht es nämlich gar nicht anders als nach diesem Zeitplan.
- Zweitens sollten Männer natürlich nicht vergessen, irgendeine bequeme seriöse Kopfbedeckung mitzunehmen (Jackenkapuze geht zwar auch, aber dann hört man die Führung nicht mehr so gut), sonst müssen sich sich dort eine Kippa aus Papier leihen, die bei jedem Windhauch wegfliegt.
- Drittens: Nicht samstags kommen. Da is' nix Tourismus.

Mit der Eintrittskarte kommt man dann in Josefov in mehrere zu Museen umfunktionierte Synagogen, und auf einen überfüllten Friedhof (Høbitova), wo die Gräber in 20 Schichten aufeinander sind. Da die Juden lange ausserhalb des Ghettos nichts tun durften (ausser vielleicht in den Geschäften der anderen ihr Geld ausgeben?!), drängte sich über hunderte Jahre alles auf einem halben Quadratkilometer...!

Auf den Gräbern kann man, abgesehen von hebräischen Inschriften, auch Reliefe erkennen, die den Namen der Person symbolisieren (Weintraub, Rosenthal, Gans, etc), oder ihre Zunft, oder den Stamm Israels. Der Stamm Kohen wird z.B. durch segnende Hände dargestellt, bei denen der Ring- vom Mittelfinger weggespreizt ist -- wem kommt das bekannt vor? Mister Spocks "Vulkanischer Gruss" lässt grüssen...!!
Hier liegt auch das (u.a. in Blindenschrift gekennzeichnete) Grab des Rabbi Löw, dessen Golem-Diener statt zu arbeiten versehendlich die Josefstadt demontierte -- die universelle Sage der "Geister die ich rief"... Den Staub der Golemtrümmer (denn er explodierte wegen Überarbeitung) findet man übrigens auf irgendeinem Dachboden da. ;-)

In den Synagogen/Museen sieht man (Anfang 2004) u.a. eine Ausstellung von Postkarten, und Kinderbildern ("Spielplatz für jüdische Kinder verboten" z.B., aber auch Schmetterlinge), die in der --nach der Ermordung der Deportierten-- verlassenen Theresienstadt gefunden wurden. Ausserdem silberne Zeigefinger als Zeilenhaltehilfe für die Torahvorleser, und Photos und Utensilien jüdischer Bräuche (z.B. die Zunft der Begräbnisbruderschaft).
Viele der ausgestellten Schriftstücke sind ausser auf Tschechisch und Hebräisch auf Deutsch (u.a. in Fraktur, und Sütterlin?), so dass man sie selbst im Original lesen kann, z.B. eine Aufforderung an alle Juden, ihre Schallplatten, Grammophone u.a. den Nazis abzuliefern -- warum, stand allerdings nicht dabei... Oder ein damaliger "Skandal" eines jüdischen Kindes, das von seinem aggressiven Vater zu den Jesuiten flüchtete, als "Moritat"-ähnliche Bildergeschichte aufgemotzt.

Die Pinkassynagoge wurde komplett zu einer Gedänkstätte umgestaltet -- alle Wände sind völlig voll mit 80'000, nach Städten und Nachnamen sortieren Personennamen von Holocaustopfern, die an einem besonderen Tag alle laut vorgelesen werden. Nach den zahlreichen Renovierungsarbeiten, die in Prag in den 90ern überall stattfanden, war es ziemlich hart, dass auch hier das Jahrhunderhochwasser 2 Meter hoch stand, und sie mit der Beschriftung von Hand z.T. (erfolgreich) wieder von vorne anfangen mussten.

Die Spanische Synagoge ist innen völlig mit Mustern bemalt, und Frauen durften nur von der Empore aus zuhören; viele Fenster enthalten deutsche Widmungen von Sponsoren mit (auf den ersten Blick ungewohnten) Jahreszahlen nach jüdischer Zeitrechnung. In der sogenannten "alten neuen Synagoge" gibt es sogar extra Fenster, durch die die Frauen von aussen zuhörten, da sie nur zu bestimmten Feiern (z.B. ihre eigene Hochzeit) reindurften. Wir Tschechischkurslerinnen wissen natürlich, dass die Frauen halt selber lesen konnten, und sich die Torah nicht wie die Männer vorlesen lassen mussten. ;-) Es gibt heute nur noch eine einzige moderne jüdische Gemeinde in Prag (deren Gemeindeleiter z.B. auch mit einer Nichtjüdin verheiratet ist), wir haben über den ganzen Tag dort nur zwei orthodoxe Juden gesehen, die von ihrem Leben als Touristenattraktion sicher schon genervt waren.

Im Stadtteil Josefov sieht man ansonsten krasse Jugendstilhäuser mit krass teuren Restaurants und Parfumgeschäften und so, die anfangs des 19. Jahrhunderts statt des abgerissenen Ghettos gebaut wurden. Die teuerste Edelhauptstrasse dort heisst Paøi¹ká.

Die hebräische Uhr, die angeblich mit hebräischen Zahlen beschriftet ist und im Gegenuhrzeigersinn läuft, haben wir nicht gefunden. Sie soll sich in der Maiselova 18(?) in einem Turm eines Eckhauses befinden -- der Trick ist, die Hausnummern lesen zu können, es gibt nämlich zwei Nummerierungen, eine rote und eine blaue, und die eine ist die falsche, aber wir wissen nicht mehr, welche.
 
2008-08-26 14:39

 
 24.02. 2004: Sightseeing 2 /\ 
 
Ansonsten haben wir am Dienstag ein riesiges Metronom gefunden, ich weiss leider nicht mehr wo, irgendwo zwischen Josefov und Stare Mìsto. Aber es war offenbar früher ein Stalindenkmal aus Granit, das gesprengt und durch das, am Ende einer Promenade etwas seltsam platzierte "Riesen-Taktell" ersetzt wurde.

Auf dem Weg kamen wir (endlich) am Ovocni Trh und somit auch am Karolinum vorbei (jetzt weiss ich auch, wo ich falsch abgebogen bin), wo die Studenten ihre Diplome kriegen. Echt schöner Platz, sollte man definitiv nicht verpassen. Auch wenn man keinen Kubismus mag, ist dort ein schönes Haus names "schwarze Maria", und ein Eingang zur Einkaufspassage Myslbek und zu noch einer anderen, wo es "Villeroy und Boch"-Sachen gibt...

Dann waren wir (noch mal) beim Pra¹na Brana und beim Obecni Dùm, nur dass wir uns dieses mal unter der abenteuerlichen Anstiftung von Pavla an den seltsam altmodisch uniformierten Werbewächtern vorbeitrauten, und einfach reinlatschten. Das ganze ist nämlich ein Jugendstiliger Luxusbau, in dem sich die Leute Aufführungen und Konzerte schon alleine wegen des Gebäudes ansehen. Ich sag nur: Gold mit grünen Kacheln und Kronleuchtern... Wir haben relativ lange durchgehalten, bevor wir bemerkt und rausgebeten wurden. Sin' mir punkig, ey. ;-) Das UG und das EG haben wir gesehen, ins OG war dann doch zu auffällig.

Unterwegs sahen wir noch zwei Gedenkstätten, eine mit einem Relief von in einer "Wir sind unbewaffnet, friedlich und ergeben uns"-Geste ausgetreckten leeren Händen, die an die protestierenden Studenten erinnert, die in dieser engen Passage in der Narodni Tøida von Polizisten umzingelt wurden; und eine zweite an der FF (Philosophischen Fakultät neben dem Rudolfinum), die an den Studenten Jan Palach erinnert, der sich Ende der 60er öffentlich selbst verbrannte, um gegen den mangelnden Widerstand gegen kommunistische Besatzer zu demonstrieren (offenbar mit Erfolg).
 
2008-08-26 14:39

 
 24.02. 2004: Essen 1 /\ 
 
Ausser Sightseeing war unsere Saarbrücker Reisegruppe "v hospodì a v kavarnì", also in der Wirtschaft und im Cafe. Als ein gutes Restaurant mit normalen Preisen inmitten von Touristenfallen empfiehlt sich übrigens das "u Rudolfinu" in der Nähe des Rudolfinums. Zudem ist es praktischerweise innen grösser als aussen, und bietet alles was die tschechische Küche hergibt (ausser Schwarzbier :-( ).

Das schwere Essen kann man nur mit Hilfe von basischem Pilsener verdauen, und die durch das Bier verursachte Müdigkeit nur durch Kaffee bekämpfen -- daher waren wir noch im Cafe Louvre, wo es heisse Schokolade gibt, in der "der Löffel stehen bleibt", Riesen-Sachertorte mit Sahne ("Sachr Dort",) und "Wiener" Kaffee (Videòska) mit 70% Kaffee und 30% Sahne. In solch einer Künstlerumgebung (auf jedem Tisch liegen Notizzettel und ein seines Logos beraubter IKEA-Bleistift, damit werdende Dichter ihre Ideen sofort zu Papier bringen können) plauderten wir mit dem Photografen Libor. [...]

Libor hat uns geraten, wir sollen ins Cafe Imperial gehen, und dort für 1000 Kronen (33 Euro) alle alten Donuts vom Vortage kaufen; in dem Preis inbegriffen ist nämlich das Recht, eine Szene aus einem Roman nachzuspielen, wo eine Figur Donuts auf die Gäste des Cafes wirft. Für Tschechen sind Donuts übrigens das ultimative exotische Essen, und sie kommen meilenweit, weil sie wissen, dass man bei jedem gekauften Kaffee dort einen Donut inklusive kriegt. Aber ansonsten geht's uns "supr", danke der Nachfrage! 8-)
 
2008-08-26 14:39

 
 24.02. 2004: Tschechisch 3 /\ 
 
Meine neusten Theorien zur Bedeutung der Tschechischen Interjektion "no!": Die Bedeutung tendiert nach aktueller empirischer Forschung immer mehr Richtung positive Interjektion: Zur Zeit tippe ich auf "na eben!", "genau!", "jupp!".

Weitere wichtige Worte in der Konversation sind "Blbost" (so ne Art Backspacetaste beim sprechen, "Äh ne, Blödsinn"), "chapi¹?" ("weisste?", "gell?"), und "nechapu" ("Häää?"). Letzteres ist nicht zu verwechseln mit "nerozumim", was Nichtverstehen im Sinne von "das habe ich noch nicht gelernt" bedeutet, und nicht "Oh Mann, ich bin einfach zu doof, um das zu kapieren".

"Kolejenka" muss man auch kennen, das ist der "Wohnheimausweis", den man als Student im Wohnheim bei allen möglichen Gelegenheiten braucht, wenn man Bettwäsche leihen will, in den Aufenthaltsraum, ins Internet, in den Wasch-, Trocken- oder Fernsehraum, oder wenn man nachts zu spät zurückkommt.

Das Langenscheidt Taschenwörterbuch stellt sich immer mehr als tatsächlich nicht so qualitativ heraus. z.B. ist in meiner Auflage irgendwo ein Teilabsatz völlig sinnloserweise doppelt, und viele Wörter existieren in der einen Richtung, aber in der anderen nicht, bzw. sie haben in jeder Richtung eine andere Bedeutung; und wenn es mehrere Übersetzungen (Umgangs- und Schriftsprache, verschiedene Situationen, z.B.) gibt, unterscheidet es zwischen ihnen oft schlecht oder gar nicht, man weiss nie, welches man nehmen soll.
 
2008-08-26 14:39

 
 24.02. 2004: Wohnheim 2 /\ 
 
Ätsch bätsch, wir ham 'ne neue Herdplatte! ("vaøíè") Die alte wurde nämlich immer rotglühender, auch im ausgeschalteten Zustand... Ohoh... Und da man wegen der diebstahlsicheren Montage nicht einfach den Stecker ziehen konnte, informierten wir den Diensthabenden der "Vratnice" (Tag und Nacht allzeit für die Studenten bereit), der die richtige Sicherung ausschaltete, und einen Handwerker für morgen früh herbeorderte.

Nelly hatte mir schon einen tschechischen Zettel für den Handwerker geschrieben, falls die Tschechisch sprechenden Mitbewohner morgen vormittag schon an der Uni sein sollten, der dann aber doch nicht nötig war. Denn was soll man sagen, der Handwerker war am nächsten Morgen um 9 zur Stelle, baute kommentarlos die alte Herdplatte aus, und eine neue ein, fertich. :-o Jetzt haben wir eine niegel-nagel-neue Doppelherdplatte statt des alten Spiralgewinderostdings. Muhahaha, okay, was ist hier noch alt, was soll ich als nächstes anbohren? ;-) Ehrlich gesagt ist das einzige, was ich hier echt noch brauchen könnte, ein paar mehr Regale im Bad. Und Efeu auf dem Balkon wäre auch hübsch!
 
2008-08-26 14:39

 
 26.02. 2004: Übungsgruppen /\ 
 
Ui, eben hat mich eine Dozentin "enttarnt". ;-) Sie hat mich irgendwas gefragt, und ich war so perplex, weil ich gar nicht wusste, was sie von mir erwartete, und aus irgendeinem Grund war Zögern und Nichtssagen die falsche Antwort... Nachdem ich ihr erklärt habe, dass ich nur ein harmloser ERASMUS-Student bin, war sie plötzlich doch sehr hilfsbereit, und hat mir in der Übung immer alles nochmal auf Englisch zusammengefasst, und geschaut, ob ich mitkomme. Und zum Glück habe ich in der Übung (Programmierkurs) zumindest folgen können, welches Programm wir öffnen sollen und was die Aufgabenstellung ist, das hat sie vielleicht auch veranlasst, mich nicht völlig abzuschreiben.

Meistens kann man ja getrost "nevim" ("weiss nicht") antworten, wenn man out-of-context etwas gefragt wird, aber... halt nicht immer... "Und wer sind Sie?" -- "Weiss ich nicht." -- "Sprechen Sie Englisch?" -- "Weiss ich nicht." -- "Verstehen sie mich überhaupt??" -- "Weiss ich nicht." -- "Aaaarrrrghhh..." -- "Auf.. dem... schwarzen... Schirm... sitzt... ein... grüner... Vogel!" -- "Achso! Sagen Sie das doch gleich." ;-)

Sehr hilfreich ist es, die Übungsgruppenleiter zu bitten, die wichtigsten
Sachen einfach an die Tafel zu schreiben, Tschechisch lesen ist einfacher als
hören. Hier Links zu zwei Online-Wörterbüchern -- beide haben kleine Fehler
(zumindest auf der deutschen Seite), deswegen nehnme ich immer die
Schnittmenge aus beiden. ;-)
http://www.slovnik.cz/
http://www.slovnik.seznam.cz/
 
2008-08-26 14:39

 
 27.02. 2004: Sightseeing 3 /\ 
 
Über die Burg berichte ich hier eher wenig, weil ich die Führung durch meine Tschechischlehrerin dort verpasst habe -- sie saß während meiner Kontaktierungsversuche im Funkloch in der Cafeteria der MFF, 4 Stockwerke unter mir...

[Apropos Stockwerke, hat irgendjemand den ersten Stock des MFF-Gebäudes gesehen?? Es gibt ein UG (-1), ein Erdgeschosss (0), und einen 2. Stock etc, aber wenn man im Treppenhaus ist, kommt nie ein erster Stock -- dort ist stattdessen über die ganze Breite eine hohle Wand eingezogen, hinter der man aktuelle Pop-Musik hört. Sehr mysteriös. ;-) Im Inhaltsverzeichnis des Hauses kommt der erste Stock auch nicht vor. Soll ich mal versuchen, ob man mit dem Fahrstuhl hinkann...?]

Von der Informatikfakultät MFF Mala Strana kommt man zu Fuß nicht nur zur Karlsbrücke, sondern auch zum Jesulatko (Prager Jesulein, Tram-Haltestelle Hellichova), wo ich allerdings noch nicht war. Geht man von der Metrostation Malostranska aus nach Norden die Straße hoch, kommt man über die Königliche Treppe zur Burg, am Tor oben hat man eine schöne Aussicht.

Übrigens eine allgemeingültige Aussage zum Sightseeing: Wenn man früh morgens kommt, wird man weniger über den Haufen gerannt, und kann oft sogar schönere Photos machen (ohne Menschenmassen, dafür mit besonderem Licht).

Auf dem Burggelände kommt man ganz zuerst an schicken Wachen und am Hungerturm fuer den Ritter Dalibor vorbei, der von der Bevölkerung heimlich mit Lebensmittellieferungen am Leben erhalten wurde, weil er so schön Geige spielte. Danach kommt ganz rechts hoch die Goldene Gasse (die man definitiv frühmorgens besuchen sollte), die ich mir für weniger überfuellte Tage aufhebe...
Weiter die Straße kommt man auf einen Platz mit der Jiøi-Basilika und natürlich dem, gerade frisch von der Restauration auferstandenen Dom, aussenrum sind irgendwelche Paläste. Immer weiter Richtung Westen, an der Post ("wir sind überall -- die Post"?!) vorbei durch einen Durchgang über einen Hof zu einem Platz. Dort sieht man Polizisten (die übrigens sehr coole schwarze Uniformen haben wie die Sicherheitsoffiziere von Babylon 5), die Taxifahrern hohe Strafen abknöpfen, weil diese zu völlig überteuerten Preisen doofnasige Touristen hier auf dem Burggelände herumkutschieren, ohne einen Passierschein zu haben... Kommentar Pavla: "Man sollte sie in der Moldau ersäufen." He, wenigstens wollte sie sie nicht aus dem Fenster werfen... ;-)
Ach ja, hier steht dann noch so ein Palast mit auffälligen Schlägertypenstatuen am Eingang. Hier auf diesem Gelände befinden sich tatsächlich Politiker bei der Arbeit (Aussenminister Fischer soll heute auf Besuch sein).

Viele Leute geben hier auf, aber man sollte die Neue Welt nicht verpassen (in der entgegen der Erwartung NICHT die Symphonie aus der Neuen Welt, sondern die Serienfolgen für "Pan Tau" geschrieben wurden). Auch Tycho de Brahe hat hier mal gelebt, und ein komischer Fischhund mit zwei Schwänzen (wer ihn entdeckt, darf ihn behalten). Am besten folgt man ein Stück den Schildern zu Loreta und dann den kleinen Sträßchen Konovnicka, Novy Svet, Cerninska, -- auf diese Weise kommt man nicht nur an einem super teueren aber auch super stilvollen "romantic" Hotel/Restaurant vorbei, sondern auch an Loreta, einem copyrighttechnisch in Italien geklauten Marienheiligtum.

In Loreta findet man tonnenweise goldverzierte und schon fast kitschige (meist Marien)Darstellungen an jeder Ecke und auch an der Decke. Begleitet wird das Ganze von einem Glockenspiel, dass der Glöckner wahlweise auch wie ein Klavier spielen kann (es gibt extra Noten dafür). In der Mitte steht eine Nachbildung der Nachbildung des Originalgeburtshauses von Maria -- Mmm-hmmm....
Aussenherum sind dutzende kleine und eine große Kapelle. In letzterer sollte man auf die zwei Statuen ganz vorne links und rechts achten, die hinter Glas sind: Das sind keine Statuen, sondern Menschenskelette mit Wachsgesichtern und echten Kleidern...
Wenn man in einer der kleinen Eckkapellen eine gekreuzigte Jesusfigur mit Frauenkleidern und Spitzenschuhen zu erkennen glaubt: Das ist die "Starosta" (?), eine tragische Prinzessin, die um ein Wunder bat, um nicht heiraten zu müssen, und später Nonne werden zu können -- letzteres hätte sie wohl lauter sagen sollen, denn das Gebet hatte den Erfolg, dass sie über Nacht durch einen hässlichen Bart verunziert wurde, sie ihr Zukünftiger nicht mehr wollte (yeah!), und sie prompt (ups) als Hexe gekreuzigt wurde. Auch 'ne Methode. Der ganze Laden ist ein wenig krass, es geht noch weiter: ;-)
Im OG ist eine Sammlung der "teuersten und unbenutztesten Monstranzen wo gibt". Wenn ihr Eure Blicke von den 6 Quadrillionen Diamanten und Bildchen und Schnörkeln lösen könnt, guckt euch auch die Decke an, die aussieht wie eine Glühbirnensammlung aus den 60er-Jahren (und keiner weiss warum). Wir hatten eher den Eindruck, dass da ein Spender ein saumäßig schlechtes Gewissen gehabt haben muss, oder was für Gründe hatte man vor 300 Jahren, der Kirche eine nicht hochhebbare Diamantmonstranz zu schenken...

Von Loreta geht man am besten weiter Richtung Südwesten zum Strahovsky Kláster. In diesem Kloster macht man es ganz schlau, und schmuggelt sich in eine zufällig anfangende Führung von einen Mönch, der nur Tschechisch spricht, und (seiner eigenen Aussage nach) keine Ahnung hat, und alles nur grinsend vom Blatt abliest. Hier im OG gibt es noch tonnenweise mehr berühmte Gemälde, und eine total modern scheinende überlebensgrosse gekreuzigte-Jesus-Figur, die in Wahrheit tausend Jahre alt ist. Im Garten macht man Postkartenmässige Panoramaphotos von Prag im Winter (oder was auch immer grad is').
Irgendwie hatte ich noch gedacht, der Mönch hat doch auf Tschechisch von irgendwas gesprochen, was Touristen normalerweise tun, aber was wir nicht tun werden/dürfen/sollen? Hab nur nicht verstanden, was.... Des Rätsels Loesung: "Unser genialer Plan" kulminiert letztendlich darin, dass wir uns genau die eine Führung rausgesucht hatten, die in die Bibliothek darf, und nicht nur im Gänsemarsch jeder einmal durch die Tuer linsen darf! :-o
Okeee... Wir latschen also eben mal kurz durch mehrere strenggeheime Räume voll antiker Bücher (die älteste Bibel usw...), die sich bis zur Decke stapeln. Sieht irgendwie aus wie bei uns zuhause, nur goldener. Hier gibt es lustige Sachen, z.B. eine hinter Buchattrappen versteckte Treppe, einen kleinen Lesetisch, der sich zu einer Trittleiter umklappen laesst, und einen grossen Lesetisch, den der Mönch "das MS Windows des Mittelalters" oder so nannte: Nämlich, Windows hat ja (soviel habe ich auf Tschechisch verstehen können) revolutionärerweise Fenster, in denen man mehrere Programme gleichzeitig haben kann; und dieser Lesetisch war um die waagerechte Achse drehbar, so dass man zwischen ca. einem halben Dutzend Tischplatten wechseln konnte, die durch ihre Aufhängung immer waagrecht bleiben, so dass geöffnete Bücher darauf liegen bleiben können. Ich sag's doch, Tschechnologie.

Nach dem Kloster ging es weiter zum Petøin-Huegel, wo man im Sommer angeblich unter jedem Baum ein Liebespaar aufscheucht, die alle hierher kommen, obwohl es nicht mal einen Funk-LAN gibt. ;-p Am besten geht man den Kreuzweg hoch, der nicht nur zu einer mini Eiffelturmfälschung und einem archaischen Zerrspiegellabyrinth führt (was tut man nicht alles für eine Weltausstellung...), sondern zudem ist auf jeder Kreuzwegstation ein politisch motiviertes Gedicht hingekrakelt... Den Themenbereichen nach zu urteilen muss der Urheber ein nationalistischer katholischer Anarchist gewesen sein...

Dort oben stösst man auch auf die Hladova Zed', eine völlig unnütze Mauer quer durch die Landschaft, die der König während einer Notzeit in Auftrag gegeben hat, um einen Grund zu haben, den arbeitenden Bürgern Geld zu geben -- die erste ABM der Geschichte? An dieser Mauer ist ein weiterer Aussichtspunkt mit Sicht auf die Burg und das Nationaltheather. Geht man zufuss bergab statt mit der ... "Bergbahn" (muhahahah, zum ersten Mal etwas, was in Heidelberg grösser ist als in Prag!!), kommt man am Macha-Denkmal vorbei, bei dem sich Paare küssen, das bringt Glück in der Liebe (weil Macha nur traurige Liebesgedichte geschrieben hat. Go figure.).

PS: Karel Oliva war heute zufällig an der Uni, hing in einem Büro lässig im Sessel mit den Füssen auf dem Tisch -- auch als Chef alles wie immer. ;-)
 
2008-08-26 14:39

 
 28.02. 2004: Theater /\ 
 
Heute war ich im Theater, eine Russin aus dem Tschechischkurs wollte da unbedingt vor ihrer Abreise hin, und ich bin mit. Wir sind einfach in das erstbeste Theater, Stavovske Divadlo gegangen, bei dem gerade eine Abendvorstellung anfangen sollte, und haben praktisch die 2 letzten Karten bekommen, für 200 Kronen (6,50Euro!) in der obersten Galerie in der Mitte, wo man exakt genauso viel sieht, wie auf den Plaetzen fuer 1000+ Kronen, nur halt von oben statt von vorne. Es war Figaros Hochzeit auf italienisch mit tschechischen Obertiteln, LOL!

War zwar ein wenig verwirrend, Italienisch zu hören und Tschechisch zu lesen, noch dazu war das wahrscheinlich noch lyrische Schriftsprache, ich hab nicht so ganz verstanden, worum es ging: Es gab drei Frauen und drei Männer (wobei einer von einer Frau gespielt wurde), die alle jeweils rechts fremdgingen und links heiraten wollten. Erst ging es ziemlich viel darum, das A sich vor B verstecken muss, damit C nicht merkt, dass D.... Dann kamen gegenseitige Verdächtigungen und Ausreden... Am Ende kam irgendein genialer Plan, im Zuge dessen sich die Damen alle als eine jeweils andere verkleideten, und somit erfuhr jede/r von der Untreue ihres/seines Partners. Dann hatten sie reinen Tisch, und konnten glücklich heiraten. OK, if you say so. ;-)
 
2008-08-26 14:39

 
 29.02. 2004: Essen 2 /\ 
 
Ein schönes Restaurant für Leute, die auf die 20-30er-Jahre und/oder tschechische Spezialitaeten stehen, ist das "ztratil a nalesen" (oder so ähnlich, "verloren und gefunden" auf jeden Fall). Es ist ganz in altmodische Photos und Schilder gekleidet, und die Speisekarte ist im Stil einer Zeitung aus den Zwanzigern oder Dreißigern, mit Anzeigen, alten Photos und Sprüchen wie "Wenn Sie Ihren Kopf verloren haben, finden Sie hier einen neuen" (und dazu alte Portrait-Photos).
Man findet es an einer in Blickrichtung liegenden Ecke, wenn man mit dem Wenzelsplatz im Rücken links am Muzeum vorbei geht, die Vinohradska hoch, ein Stückchen nach dem Tschechischen Rundfunk (Rozhlas) auf der rechten Strassenseite.

Ein gutes Eiscafe, "Ovocny Bar", findet man am Wenzelsplatz in der Passage (wahrscheinlich in der Vodièkova oder die Parallelstraße), es hat auch noch eine zweite Filiale in einem OG auf der Westseite des Wenzelsplatzes. Ich bin mir nicht so sicher, ob es ein Eiscafe ist, das sein Eis mit besonders viel Obst seriert, oder ein Obstladen, der die Leute durch eine Eisgarnitur zum Obstessen animieren moechte. ;-) Kuchen gibt es dort natürlich auch.
 
2008-08-26 14:39

 
 29.02. 2004: Orientierung 2 /\ 
 
Das Geheimnis der Prager Hausnummern habe ich auch rausgekriegt, aaalso: Es gibt rote und blaue Hausnummernschilder. Die roten sind die alten, sie zeigen den Stadtteil, und das wievielte Haus in dem Stadtteil es ist (in Baureihenfolge oder so). Wenn nur eine Nummer angegeben ist, ist es in den meisten Fällen die rote, was u.U. eine längere Suche zur Folge hat, wenn die Häuser nicht in Baureihenfolge nebeneinander stehen... Sind zwei Nummern mit Schrägstrich angegeben, ist die zweite die blaue Hausnummer, die genauso funktioniert wie die Hausnummern in z.B. Deutschland auch, also mit geraden Nummern auf der einen und ungeraden auf der anderen Straßenseite.
 
2008-08-26 14:39

 
 03.03. 2004: Einkaufen 1 /\ 
 
In der Umgebung der Metrostation Narodní Tøida (ja eigentlich auch in den meisten anderen Metrostationen) und z.B. am Hauptbahnhof gibt es sogenannte "Bazar"e, wo man verdächtig billige "Secondhand" Handys, Diskmen und Digicams etc. kaufen kann -- die Grenze zwischen gebraucht und geklaut beträgt dabei eventuell weniger als nur 4 Buchstaben. Falls man sich trotzdem von den wirklich unnormal günstigen Angeboten überzeugen lässt, auf jeden Fall darum bitten, das Gerät (und auch das Ladegerät) vor dem Kauf im Laden selbst ausprobieren zu dürfen. So kommt man billig an ein Nokia für 800 Kronen... Meinen ersten Applehändler habe ich heute zufällig in der Ibsonova am Namìstí Miru entdeckt, wie es sich gehört mal wieder sehr versteckt. In der Senova¹ná, ziemlich direkt am Pra¹na Brána (Achtung, da steht noch ein zweiter solcher Turm, der genauso aussieht, nur neben einer Kirche), gibt es einen schönen prototypischen Antiquitätenladen. Alles gut zu wissen, falls man's mal braucht...

Und -- also entweder sind die Tschechen übergründlich, oder haben einen selbstironischen Humor, oder beides: In Nordamerika gibt es doch so "Alles für einen Dollar"-Läden. Die gibt es hier neuerdings auch. Nur heissen sie hier 39 Kronen.... Wenigstens ändert sich sich der Name nicht, wenn sich der Kurs ändert... :-)

Vielleicht ist das in Großstädten normal, aber ich finde es gewöhnungsbedürftig, dass in jedem Laden (manchmal sogar im Lebensmittelgeschäft) Sicherheitsleute stehen, die sich sowohl ihr Misstrauen als auch ihre Dauercoolness rund um die Uhr am Gesicht anmerken lassen. Von der ostentativen Überwachung harmloser (blonder) Studenten lassen sie allerdings ab, sobald eine kleine Gruppe schwarzhaariger Mitbürger den Laden betritt. Die haben zwar auch nichts getan, aber Abschreckung ist alles. Muss mal nächstes Mal drauf achten, ob braunhaarige genauso überwacht werden, oder ob die einen Tschechen-Bonus kriegen. ;-)

Achja, apropos Geld, wenn sich jemand wundert, warum es keine kleineren Mützen mehr gibt als 50 Heller -- die wurden offenbar Ende 2003 abgeschaft! Die noch im Umlauf befindlichen finden ein neues Zuhause bei eBay... Also nicht wundern, wenn die Verkäufer wie in Italien die "Pfennige" auf- oder abrunden. Meine Postbank SparCard wird übrigens bei so gut wie allen Geldautomaten akzeptiert (das VisaPlus-Symbol haben fast alle) -- man muss nur darauf achten, die Postbank-Karte in dem Dialog als Kreditkarte auszugeben.

Direkt an der Metrostation Chodov, in dessen Nähe das Kolej Ji¾ní Mìsto sich befindet, ist übrigens ein total süßes Kaufhaus namens Billa / Rù¾e. Süß, erstens weil total unauffällig in einem ungenutzt scheinenden Gebäude untergebracht, und zweitens, weil es innen einem Kramladen gleicht: Es ist voll mit Dutzenden kleinen Lädchen, die z.T. in kleinen Kabuffs untergebracht, oder nur durch Spanische Wände voneinander getrennt sind, die Reduzierungsschilder sind von Hand geschrieben, es gibt kaum Marken -- irgendwie visuell (und finanziell) sehr erholsam. Der komplette 2. Stock ist on chinesischen Händlern belegt, die an Ständen Mode, Taschen, und Schuhe verkaufen, im EG gibt es herzlos zubereitete aber gut schmeckende Pizza für 20 Kronen ( 60 eurocent?).
 
2008-08-26 14:39

 
 06.03. 2004: Telephon! /\ 
 
Da es auf den Wohnheimzimmern kein Telephon gibt, und ich die tschechische SIM-Karte von meinem Austauschvorgänger Ollie übernehmen konnte, telephoniere ich in Tschechien via den Anbieter Eurotel, es gibt ansonsten noch Oskar und T-Mobil -- Welcher besser ist, ist schwer zu sagen: Eurotel hat angeblich die bessere Abdeckung, und hat bessere Preise für Ferngespräche. Oskar ist anscheinend billiger im Inland, über andere weiss ich nichts. Ich bin mit Eurotel ganz zufrieden, ich hatte bisher überall Empfang, sogar in den U-Bahnstationen, die Tonqualität ist gut, und eine SMS kostet mich 2 Kronen (6 Eurocent).

Am besten finde ich an Eurotel die "mysteriösen Botschaften" auf dem Handy-Display: Egal wo ich bin, mein Handy weiss es besser. Bin ich im Wohnheim, steht da "P4 Chodov Kunratice". P4 ist der Stadtteil, und heisst nicht "vierter Stock" ("patro"), wie wir erst meinten! ;-) Sitz ich in der roten Metro, steht auf dem Display "Metro C". An der Informatik steht da "Mala Strana", bzw. im Physikergebäude "Nove Mìsto", usw. Ideal also for the locationally challenged! ;-)

Ausserdem kann ich jetzt beim SMS schreiben sogar schon kontrolliert die 2. und 3. Buchstaben pro Taste erzeugen (statt zufällig, man muss bloß auf das Blinkverhalten des Cursors achten. "Duh!"), und mit etwas Nachhilfe von Nelly weiss ich jetzt sogar, wie man (dass man!) in SMSen sogar große und kleine Buchstaben schreiben kann... Es gibt tatsächliche eine Shifttaste. Und ich hab mich immer gewundert, wie die anderen Leute das hinkriegen! =-) Das kommt davon, wenn man ein Gebrauchthandy ohne Handbuch kauft.
 
2008-08-26 14:39

 
 09.03. 2004: Tschechisch 4 /\ 
 
Man denkt ja, in der Informatik kommen doch eh nur englische Begriffe vor, und das kann ja auch auf Tschechisch nicht allzu schwer zu verstehen sein. Allerdings muss man sich natürlich noch an die neue Aussprache der (im Endeffekt doch seltenen) englischen Worte gewöhnen: Am nettesten fand ich bisher "Po-wärr-point". Ein "Dots" ist sowas ähnliches, auch in englischen Wörtern wie "doc" wird das c wie "ts" gesprochen. Was ich allerdings sinnvoll finde, ist, die Kommandos "cut" und "cat" eindeutig zu machen, indem man sie "tsutt" und "tsatt" ausspricht, das sollte man in Deutschland auch einführen. :-) Die Deutschen übertreiben es ja eher in die andere Richtung, und sprechen eher mehr Englisch aus als nötig (der sog. Brathering-Effekt!), aber man gewöhnt sich schnell an die tschechische Aussprache, weil sie sehr systematisch ist.

Zum Beispiel, exotische ausländische UNIX-Kommandos wie "pwd" spricht man auf Tschechisch "pH-wH-dH" aus (also nur mit Schwa, nicht "pewede", oder "piwidi", oder gar "päwädä", wie man das im Sprachkurs lernt!). Und das ziehen die die ganze Vorlesung lang durch, z.B. "eH-tH-tsH-passH-wH-dH" ("/etc/passwd"), usw., ganze Sätze von Befehlsfolgen werden so vokallos diktiert. Achja, und falls sich schon mal jemand gefragt hat, warum das Kommando "inVerse grep" "grep -v" ist, jetzt wissen wir's, es ist eigentlich die Abkürzung für "grep vopak"! (opak = Gegenteil, Wörter mit o- am Anfang werden aus irgendeinem Grund oft "vo-" ausgesprochen, das System dahinter habe ich noch nicht durchschaut). Allerdings kann man dem UNIX-Dozenten (Forst) nicht ganz trauen, da er auch behauptet hat, das f in "rm -f *" würde für Forst stehen... ;-)

Und natürlich kommt kein Wort undekliniert davon, im Radio hört man nicht nur tschechische Cowboymusik, sondern auch Madonnu und ABBU. Und wenn die Worte sich weigern, werden sie einfach diminuiert: Die Programmiersprache "C" ist zu kurz, und erweist sich als nicht sehr deklinierfreudig? Kein Problem, so ein kleines liebes braves "Tsetschko" wird sich doch wohl ein bisschen deklinieren lassen, hmmm? -- Diesen etwas unerwarteten Zusammenhang zwischen Schreibung und Aussprache muss man als Nichtmuttersprachler in der C-Vorlesung erst mal blicken. :-) Auch Jednièka ist so ein Wort, ein Einsileinchen, das bei der Initialisierung einer Variablen zugewiesen wird.

Apropos Radio, da ist so ein Typ in der Werbung, der Wörter wie "královské" "g-ch-aloffsgee" ausspricht, soll das ein deutscher Akzent sein? =-) Die sollten sich mal den "Tschechischer Tontechniker"-Sketch von Badesalz anhören... Lustitsch! ;-)
 
2008-08-26 14:39

 
 11.03. 2004: Post, Polizei, Nahverkehr /\ 
 
Die gute Nachricht des Tages: Es gibt Briefkästen in Tschechien! ;-) Genau wie bei Feuerlöschern besteht der Trick schlicht darin, sie zu sehen. Probiert das mal an Eurem Arbeitsplatz, Uni, Schule, etc aus. Sucht Feuerlöscher. Ihr werdet Euch wundern, wieviele es dort plötzlich gibt, an Orten, wo ihr 1000 Mal vorbeigekommen seid, und wo ihr sie trotzdem nicht gesehen habt. So ist das mit Briefkästen in Tschechien: Sie sind kleiner und flacher als in Deutschland, und orangener -- was zur Folge hat, dass sie in den ersten Wochen total durch mein Briefkastenerkennungsraster gefallen sein müssen.

Genau wie die Briefkästen habe ich an den ersten Tagen auch die Polizeisirenen überhaupt nicht als solche erkannt, hauptsächlich deswegen, weil sie exakt so klingen, wie ein kleiner batteriebetriebener UFO-SciFi-Synthesizer, den ich als Kind mal hatte, so "Wiu-Wiu! Uooooh..."-mäßig... Aber wenigstens haben die Polizisten zum Ausgleich sehr coole elegante schwarze Uniformen, die ein wenig an die Einsatzkleidung der Sicherheitsleute von "Babylon 5" erinnern. Die Leute, die auf die blöde Idee gekommen sind, Prag mit dem Auto zu besuchen, werden wahrscheinlich schnell mit der nervigen Angewohnheit der Polizisten Bekanntschaft machen, mehrsprachige Radkrallen an Falschparker zu verteilen. Da hilft auch die Tarnung durch den Pannenblinker nichts.

Ne, da fährt man doch besser Metro, und mit den neuen Straßenbahnen. Angeblich hatte sich bis vor 15 Jahren je ein Ostblockland auf die Produktion von jeweils einem Verkehrsmittel spezialisiert; während die Russen schöne Taiga taugliche Lokomotiven aus Panzern bastelten, waren die Tschechen (wenn meine Info stimmt) ;-) für die Straßenbahnen zuständig. Auf dem Vaclavské Námìstí stehen sicherheitshalber immer noch ein paar alte als Beweis herum.

Die Fahrkarten werden in Prag übrigens des öfteren kontrolliert. Bei dem großen Andrang können die Kontrolleure zwar nur Stichproben machen, aber sie haben offenbar schon ein gutes Gespür entwickelt. ;-) Also wenn Euch jemand in Bus, Bahn, Metro, oder auf dem Weg zum Metrogleis(!) kommentarlos eine komische runde Metallplakette mit einem rotweißen doppeltverknoteten Opel-Symbol unter die Nase hält, dann ist das die höfliche Aufforderung, die Fahrkarten zu zeigen! Zeigen bedeutet übrigens nicht hergeben, ihm unter die Augen halten reicht; es könnte ja ein Trickbetrüger sein, der einem dann eine ungültige zurückgibt (Reiseführer sind schon paranoid mit ihren Ratschlägen?!).

Kürzlich habe ich mal einen Mann erlebt, der ein echt selten schönes klares Amerikanisch gesprochen hat (oder kanadisch?) -- er fiel deswegen auf, weil er am Metro-Bahnsteig (wie schon gesagt, da ist auch schon Fahrscheinpflicht) den Kontrolleur eindringlich aber würdevoll anbettelte, dass er die Strafe nicht zahlen muss. Da er kurz später laut "phew" sagend an mir vorbei kam, schätze ich, dass er irgendwie durchgekommen ist! :-o

An, in den und um die Metrostationen gibt es übrigens nicht nur Zivilisationsinseln mit Handy-Bazaren, Kaffee und Süßigkeiten, Zeitschriften (anscheinend von Arbeitslosen als ABM verkauft) und punktuelle Stürme -- sondern auch symbolische Musik. Zu erleben gibt es letztere konkret in der Station I.P.Pavlova (benannt nach dem Typen mit den Pavlovschen Hunden): Dort steht ein Bettler --ein echt uralter gebrechlicher Mann, dem man echt abkauft, dass er nicht mehr arbeiten kann-- und der spielt symbolisch Geige; symbolisch heisst, er hat tatsächlich eine Geige und einen Bogen, und er bewegt ihn auch, aber man hört irgendwie nix. Ich glaube, er ist entweder zu schwach und zittrig, oder kann gar nicht (mehr) Geige spielen, aber den Leuten ist das egal, die Symbolik kommt an, und bei den lauten Ubahnen würde man eh nichts hören...

Hier die Webseite der Prager Verkehrsbetriebe, wo man sich Bus- und Bahnlinien ausdrucken oder eine Verbindung suchen kann. Es gibt auch Info über Preise, Fahrkarten, Nostalgiebahnen, die Prager Bergbahnen, und Park&Ride. Sie ist dreisprachig, allerdings ist die deutsche Übersetzung ein wenig... experimentell... "Keine Bericht sind nicht vorgefunden". ;-)
http://www.dpp.cz/
 
2008-08-26 14:39

 
 12.03. 2004: Winterschule /\ 
 
Eine Sommerschule kann jede Uni haben, die prager CoLis sind natürlich cooler, und übertrumpfen das locker mit einer Sommerschule im Winter. Sogar Joshi war hier, höchstpersönlich saß er in dem Büro, wo ich auch war, an einem Rechner, und ssh-te seinen eMails hinterher. Ich hatte ihn noch nie gesehen, aber da ich mich erinnern konnte, dass ihn mir mal jemand damit beschrieben hatte, dass man sich bei seinem Anblick wundern würde, dass er nicht OSV-Sätze bildet ;-), habe ich ihn sofort erkannt, und habe nach seiner Webseite gegooglet, und bekam meine Theorie bestätigt. Auf den Vorträgen war ich dann doch nicht, sie waren zwar englisch und einige Themen klangen sehr interessant, aber der Laden war zu weit weg, um mal eben kurz zu einem Vortrag hinzufahren.

http://ufal.mff.cuni.cz/vmc/vmc19/vmc_ls19.html

Wegen der Sommerschule waren in den zwei Wochen einige Gäste da, die von Hajièová durch die MFF geführt wurden ("Und hier sehen sie die Prager Burg!"--"Uuiii!"), und plötzlich bekam man mal mit, was für Fremdsprachen die Tschechen um einen herum alle können. Ich habe ja schon mal einen rothaarigen Tschechen erlebt, der fliessend französisch konnte, und auch einen australischen. An der CoLi gibt es dann noch einen Halbarabischen, und einen, der einfach so auf italienisch umschalten kann, interessant v.a., weil er die typische Gestik und Körpersprache eines Italieners nicht hat!
 
2008-08-26 14:39

 
 16.03. 2004: Einkaufen 2 /\ 
 
Total ungewohnt, in Tschechien haben die Geschäfte bis spät abends auf, z.T. bis 22Uhr, und am Sonntag auch bis Abends... OK, die am Wenzelsplatz natürlich, weil da um die Zeit Touristen noch für Umsatz sorgen. Aber sogar im Vorort Chodov hat Billa bis 22Uhr offen. In Saarbrücken würde kein Wohnheimbewohner auf die Idee kommen, am Wochenende um 21Uhr noch mal nach nebenan einkaufen zu gehen...

Chodov ist für Prag wahrscheinlich so eine Art Chinatown, in dem einzigen Kaufhaus dort gib es zumindest ein Chinarestaurant, einen China-Imbiss, und ein Stockwerk voller chinesischer Händler mit kleinen Ständen. Da es sich hier um Tschechien handelt, geht es auf diesem asiatischen Bazar selbstverständlich sehr still und entspannt zu, kein Gedränge, keine laute Musik, keine aufdringlichen Händler. Dort einzukaufen ist nicht nur wegen der guten Preise und der fehlenden Markenartikel angenehm, sondern auch weil die Chinesen auch nicht besser Tschechisch können als ich. ;-)

Die eine Chinesin konnte tatsächlich nur in klischeehaften Einwortausrufen sprechen: "Siso? Sekat! ... Neni!" ("G'öße? Wa'ten! ... Nix!"). Ein Glück, dass eine solidarische tschechische Man¾elka mir heimlich vorgeflüstert hat, dass "Siso" "Èíslo" heissen sollte, hätte ich nicht auf Anhieb verstanden... Aber es gibt auch Chinesen, die relativ gut Tschechisch können, so ganz inkompatibel sind die Sprachen trotz ihrer Gegensätzlichkeiten wohl doch nicht. Jetzt rede ich schon Tschechisch mit Chinesen, eigentlich krass... ;-D
 
2008-08-26 14:39

 
 18.03. 2004: MFF Mala Strana /\ 
 
Hübsch, auf den typischen Pragtourismuspostkarten sieht man die Türme von der "CoLi-Kirche" St. Mikula¹! :-) Offenbar war früher das jetzige MFF-Gebäude selbst die Kirche inkl. Kloster; dann wurde direkt an das Gebäude dran die neue Mikula¹-Kirche gebaut, und der alte Teil der (damals neuen) Prager Universität geliehen, die keine Gebäude für das mitten während der stressigen Gründung der Universität zum ungünstigsten Zeitpunkt auftauchende Studentenpack hatte. Gerüchten nach gibt es einen geheimen zweiten Fahrstuhl irgendwo im UG, der nach unten zu einem tiefen Keller mit Tresoren führt, in denen (ausser den StaSi-Akten aus einem anderen Gerücht?) möglicherweise mal Staatsschätze waren, oder zumindest hin hätten sollen.

Der erste Stock ist übrigens "weg", weil er tatsächlich noch renoviert wird -- die CoLis haben erzählt, dass das jetzt so schöne Gebäude bis vor ein paar Jahren so schrecklich war, dass sie sich schon gewünscht haben, stattdessen lieber in einem "normalen" Bürogebäude zu arbeiten, wo dafür die Internetkabel in den Wänden verlegt sind (statt auf dem Boden im Flur!). Inzwischen ist alles dank der Renovierung im Boden verlegt, und Klassizismus meets Hightech in Reinstform: Beamer ("promítaèka"?) und Gigabit wohin das Auge blickt.

http://www.mff.cuni.cz/fakulta/budovy/kampus/mala_strana.htm

Apropos Beamer, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil ich nicht alles verstehe, aber mir kommt die Technik in Prag schon ein wenig fähiger vor als in Saarbrücken (ich meine die Geräte, nicht die Admins!). An der MFF nimmt man die Existenz des Beamers und gar des Computers dahinter gar nicht wahr. Die Dozenten kommen rein, schieben im Vorbeigehen maximal eine Diskette ins Laufwerk eines im Professorenpult verborgenen PCs, und die Vorlesung geht los, Punkt. Nix verkabeln und Laptop und Fernbedienung suchen. Es wirkt irgendwie effizienter, aber vielleicht ist das der Eindruck, den man als nixverstehender Neuankömmling immer hat?

Der schon fertige CIP-Raum ist auch sehr gelungen, er ragt im EG in Form einer sogenannten Rotunda in den ungenutzten Innenhof hinein (solche architektonischen Tricks erklären allerdings, warum das Gebäude innen grösser ist als außen!!). Es gibt schätzungsweise 50 PCs in Bereichen für Windows, Linux, UNIX. Magnetkartenzugang wie in Saarbrücken haben sie noch nicht, denn die tschechischen Hacker arbeiten unauffälliger, und veranlassen die Universität nicht gleich zu Sicherheitsvorkehrungen. ;-) Zur Zeit genügt es, dem mit "Slu¾ba" beschrifteten Studenten seinen Studentenausweis zu zeigen, und sich ganz analog in ein Heft einzutragen, auch abends kann man so noch rein.

http://www.ms.mff.cuni.cz/

Durch leicht übersehbare Türen ganz links und ganz rechts nach dem Eingangsbereich der Rotunda kommt man in zwei Übungsräume, wo die praktischen Teile der Vorlesungen abgehalten werden, weil in der Rotunda die PCs so Feng-Shui-mäßig angeordnet sind, dass man nicht unterrichten kann. Was wiederrum heisst, dass es ruhige Räume für Übungen einerseits und einen allgemeinen Computerraum andererseits gibt -- sollte man in Saarbrücken auch mal einrichten. Hm, was kommt eigentlich in den Keller des (hoffentlich endlich mal im Jugendstil oder Klassizismus gehaltenen!) neuen Gebäudes, das gerade hinter der Saarbrücker CoLi entsteht?

Weitere nicht-architektonische Unterschiede zu Saarbrücken sind: In Saabrücken bekommt man im Gegensatz zu Prag keine Rundmails vom Admin mit einer Überschrift wie "Vazeni a mili, vazeni, mili" ("Liebe sehr geehrte, liebe, und sehr geehrte Mitarbeiter").... Christian hat mich vor solchen Leuten gewarnt... ;-)
Außerdem wird man in Prag (v.a. vom Pförtner) komisch angeschaut, wenn man samstags an die Uni kommt und arbeitet -- sonntags habe ich mich dann gleich gar nicht mehr reingetraut. Es gibt allerdings einen Mitarbeiter, der oft Überstunden macht -- d.h. er geht erst um 19Uhr... Der hat sich einmal, als ich gewohnheitsmäßig bis mind. 20Uhr bleiben wollte, total gefreut, dass er nicht der letzte ist! Krass. Dann fiel mir ein, dass ich abends ewig zurück ins Wohnheim brauche, und es doch besser ist, um 18Uhr "schon" zu gehen.
 
2008-08-26 14:39

 
 19.03. 2004: Ungarninvasion /\ 
 
Bisher verhielten sich die prager Ungarn brav und unauffällig wie... wie... Slowaken. Aber schon die ganze Woche pilgern sie auf den Malostranské Namìstí, und opfern einer Plakette am MFF-Gebäude Blumenkränze...!

itt vakott tanulmanyai éveilen
1690-1692 között II Rakoczi Ferenc...
az 1703-1711 évi magyarországi
Függetlensegi harc vezetöje

Oder so, ich konnte da nicht stundenlang stehen und den ungarischen Text abschreiben: Denn in der kurzen Zeit, wo ich die Zeilen notierte, entstand schon ein kleiner Auflauf von Passanten, die sich zu fragen schienen, "Wie, erst eine unlesbare Plakette (wer weiss, ob die tschechische Übersetzung nicht gefälscht ist?!), dann literweise unlesbar beschleifte Blumenkränze, und jetzt sogar schon Leute, die sich Notizen machen! Steht hier die heimliche Rückkehr der Vokal-Front bevor? Müssen wir uns jetzt alle ein Ö kaufen?"

Mein ungarischer Geheimagent konnte zumindest einen Teil des Geheimnisses lüften: "Hier führte seine Studien in den Jahren 1690-1692 Ferenc II. Rakoczi durch, der Anführer der ungarischen Unabhängigkeitsbewegung in den Jahren 1703-1711." Aha, so schmückt man also die Uni eines Helden zum 300. Jubiläum. Ich möchte nicht wissen, wieviele Blumenkränze inzwischen an den Orten liegen, wo er gewohnt hat, geschweige denn da, wo er geboren und gestorben ist... :-o Ungeklärt bleibt auch immer noch die Frage, warum der Anführer der Ungarn vor 300 Jahren in Prag Computerlinguistik studiert hat?
 
2008-08-26 14:39

 
 19.03. 2004: Wohnheim 3 /\ 
 
Im Wohnheim lernt man tolle neue Wörter, z.B. dass Pförtner auf Tschechisch "Vratnice" heisst, und nicht etwa "bagety nejsou", wie man glauben könnte, weil das groß auf der Pförtnerloge geschrieben steht. Hm, impliziert so ein Schild "Baguettes sind aus" nicht eigentlich, dass auch manchmal welche da sind? Tatsächlich ist es mir bisher einmal passiert, dass stattdessen "Toast Special" da stand, aber ich habe mich bisher nicht getraut, näher auf die Toast- und Brotbelegungskünste der Pförtner einzugehen, deswegen kann ich da keine Tipps geben. ;-) Ich bin aber Zeuge, dass es schon mal ein Student überlebt hat.

Weitere krasse Wörter, die man schon immer mal in seinem Wortschatz haben wollte, sind disinsekce und internetizace. Es geht doch nichts über produktive moderne Sprachen! Eine Disinsektion ist die Art Prophylaxe, die das Saarbrücker "Wohnheim D" vor ein paar Jahren schon gebraucht hätte. Ob ich die Früchte der Internetisierung aber noch zu meinen ERASMUS-Zeiten erleben werde, weiss ich nicht, die Kabelverleger sind erst im zweiten Stock, aber es besteht Hoffnung.

Um sich nach der schlecht gelaufenen mündlichen Mediziner-Prüfung abzuregen, hat Nelly vorgeschlagen, unser Wohnheimzimmer umzustellen. D.h. nicht nur, dass ich jetzt ein neues Photo machen muss, sondern v.a., dass wir jetzt zumindest optisch viel mehr Platz im Zimmer haben! Jetzt haben wie eine so total optimierte Anordnung der Möbel, dass in der Mitte so viel Nutzraum frei ist, dass man im Zimmer Skateboard fahren könn-- Moment mal, ich muss mal kurz was ausprobieren...

Es gibt übrigens einen International Club für ERASMUS-Studenten in Prag.
http://intl-club.fsv.cuni.cz/
Bisher habe ich allerdings nicht viel von ihm gehört, ausser einer Diskoankündigung und einem Ball, aber es gibt offenbar noch Ausflüge und ein Forum im Repertoire.
 
2008-08-26 14:39

 
 21.03. 2004: Musik /\ 
 
Heute war im wahrsten Sinne des Wortes Mezinárodní Víkend ®en, internationales Frauenwochenende. Erstens habe ich mich mal wieder seit langem mit einer Freundin aus Kinderzeiten getroffen, die zufällig auch in Prag ein Praktikum macht, und die ich seit über 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Olli kennt sie auch, wir stammen alle drei aus Heidelberg, svìt je malý. ;-)

Außerdem war ein Musikfestival angesagt, an dem nur Frauenbands auftreten sollten, und als Hauptstars (Tusch!) -- Värttinä! Okay, das sagt Euch vielleicht eher wenig, aber die wollte ich schon immer mal sehen. Eine ziemlich krasse finnische Band, die zu ihren Anfängen (vor 10 Jahren?) aus über einem Dutzend Jungs (Instrumente) und Mädchen (Gesang) bestand, die irgendwie zufällig aus uralten Gedichten, Volksmusikentlehnungen und einer gewissen natürlichen Frechheit versehentlich einen total neuen Musikstil erfunden haben, der zugegebenerweise aber auch in Finnland fast unbekannt ist... Heute sind die Jugendlichen erwachsen, und viele sind ausgestiegen oder wurden durch andere Musikbegeisterte ersetzt, aber die Gruppe tritt immer noch bei Festivals auf und veröffentlicht noch fleissig Alben.
http://www.varttina.com/
http://www.noside.com/Catalog/CatalogArtist_01.asp?Action=Get&Artist_ID=44

Nuja, in den ganzen Wohnheimen hier konnte ich nur einen einzigen Studenten auftreiben, der auch zu dem selben Konzert gehen wollte, ein ERASMUS-Student aus Finnland. Der meinte, er würde diesen komischen Dialekt auch nicht besser verstehen als die anderen Zuhörer, ausserdem kannte er sehr viel weniger Lieder als ich, eine Schande. ;-)

Värttinä sind dafür bekannt, dass das Publikum innerhalb kürzester Zeit die Gabe entwickelt, Finnisch mitsingen zu können, und auf 7/6(oder so?)-Takt zu tanzen. Letzteres wurde ein wenig durch die Räumlichkeiten eingeschränkt, weil die Leute sich im Hauptsaal total nach vorne drängten, ich war zum Glück auf der Galerie, wo so viel Platz war, dass die Frauen um mich rum getrost in einen Tranceartigen Rhythmus verfallen konnten. In einer Kritik habe ich mal gelesen, dass auf einem Festival alle Kinder weg und auf die Bühne gerannt sein sollen, als Värttinä anfingen... Nordische Zauberinnen halt... ;-)

Das mit dem Nordischen Zauber ist natürlich ihr Hauptimage, die meisten Liedtexte gehen um unabhängige Frauen, die den strohköpfigen Männern zeigen, wós langgeht, oder es sind alte Schutzgedichte gegen Gift oder Krankheit ("Aijö", das Lied gegen Gift, ist das krasseste). Zwei meiner Lieblingslieder haben sie meiner Meinung nach zu poppig gespielt, ruhig wie auf der CD waren sie irgendwie beeindruckender. Es kam viel von den zwei letzten Alben "Iki" und "Vihma", ausserdem der Dauerbrenner "Mie Taihon Tansia", und noch ein paar (z.T. sehr interessante), die ich noch nicht kannte.

Natürlich war es viel zu schnell zuende, und das Publikum wollte endlos Zugaben. Ich weiss nicht, ob ihnen nix mehr einfiel, aber das am Ende klang wie ein Kinderlied: Sie kamen noch mal raus, und kündigten an, sie würden noch mal was singen, aber nur, wenn sie aus dem Publikum ein paar T-Shirts zum damit Winken ausgeliehen bekämen... Erst passierte nix, aber irgendwie bekamen sie dann innerhalb von Sekunden einen netten Kleiderstapel an den Kopf geworfen, hauptsächlich von den männlichen Fans der Sängerinnen... :-) Wobei der ziemlich junge Schlagzeuger auch extrem gut angekommen ist, mit seinem Mega-Solo, das anfangs wie ein Gewitter klang. Der Bassgeigenspieler hatte auch ein paar Lacher, als er wollte, dass sie Leute sein Solo mitsingen oder so; ich fand eigentlich den Geiger am besten, von dem man irgendwie zu wenig gehört hat.

Das war noch nicht alles musikalische in dieser Woche: Es wäre fies zu sagen, dass sie besser waren, als Värttinä, aber in ihrem unerwarteten Kontext gefielen mir die zwei singende Teenager auf Karlsbrücke fast besser. Die Mädchen wollten gar kein Geld, sie sind nur Hand in Hand spazieren gegangen, und haben sich unterhalten. Vielleicht sind sie zusammen im selben Chor oder so, auf jeden Fall fingen sie immer zwischen ihrem normalen Gespräch scheinbar spontan und völlig beiläufig an, zweistimmig vor sich hin zu singen. Ich bin ihnen auf der Länge der Brücke gefolgt, bis sie am Ende der Brücke irgendwo abgebogen sind, schon wieder zwei Stars an die Topologie verloren. Hätten auch auf das Festival gepasst, da hat sich auch eine Jugendliche mit Gitarre zwischen zwei Bands auf die Bühne getraut, und zwei nette naive Liedchen zum Besten gegeben (deren scheinbar witzige Texte ich nicht verstehen konnte).
 
2008-08-26 14:39

 
 27.03. 2004: Essen 3 /\ 
 
In Prag kann man leicht ein gutes Mittagessen fuer umgerechnet 2-3 Euro kriegen, ein Essen + Bier im Restaurant gibt es schon für 5 Euro pro Mund (ausserhalb der Touristenfallen). Beispiele:

- In der neuen Cafeteria im UG der Malostranska MFF hat man an jedem Werktag 3 verschiedene kleine Gerichte für je 30-50 Kronen zur Auswahl, außderdem 1 Tagessuppe und 1 Nachtisch. Preise wie in der Saarbrücker Mensa, allerdings gibt es eine Bedienung, und die Atmosphäre ist x-mal schöner! (Psst: Man braucht dort keinen Studentenausweis vorzeigen...)

- An der Tram-Haltestelle Újezd (Malá Strana) ist das Restaurant ©vejk mit Zeichnungen der gleichnamigen Figur an der Wand, abends kriegt man da noch einen Zieharmonika-Opa inklusive zu seinen Knödeln, mit dem sich die Touristinnen unbedingt photographieren lassen wollen. Tschechische Küche ab 5 Euro, tendiert schon zum Touristenrestaurant, aber geht noch.

- An der Metro-Haltestelle Narodní Divadlo gibt es, gegenüber des Theaters und mit Blick Richtung Moldau, ein "trés chique"s Restaurant namens Slavia. Ist zwar auch 'ne Touristenfalle, aber wenigstens eine stilvolle.

- Wenn es kein Restaurant sein braucht, geht man zu einem der netten billigen
Imbisse wie z.B. dem Snack City an der Haltestelle Narodni Tøida, wo es alles gibt von Gyros über Hamburger, Salat, Hühnchen, Sandwiches bis hin zu dicken Pommes, dazu alle nur erdenklichen Getränke, und das für 30-90 Kronen je nach Menue. Nicht teurer als MacDoof, mehr Auswahl, schmeckt besser, und man kriegt das Essen innerhalb von ein paar Minuten zum Hieressen an den Tisch gebracht, oder zum Mitnehmen verpackt. Den vollständigen Satz, was "Zum Mitnehmen" auf Tschechisch hiess, weiss ich nicht mehr, auf jeden Fall war der sinntragende Teil "s sebou"; "hier" heisst "tady".

- Ansonsten ziehen die meisten U-Bahnstationen viele kleine Händler mit Ständen an, auch Kaffeeautomaten und Selbstbedienungsrestaurants (Jídelna) findet man dort bzw. in der Umgebung (z.B. I.P.Pavlova).
 
2008-08-26 14:39

 
 27.03. 2004: Einkaufen 3 /\ 
 
Im Prager Zentrum gibt es mehrere unzusammenhängend über die Stadt verteilte Einkaufszentren, Passagen und Fussgängerzonen. Hier ein Vorschlag eines möglichst zusammenhängenden Weges, wie man seinen "Shopping-Spree" optimieren kann, beginnend am Namìstí Republiky bis runter zu Anïel:

Das Kaufhaus Kotva (Anker) sieht man von der Metrostation Namìstí Republiky, wenn man ein paar Schritte Richtung Norden weitergeht. Im Kotva gibt es irgendwie "alles": Nicht nur Mode, sondern auch Werkzeug, Schreibwaren, Spielwaren, Sportartikel... Wenn man am Ende noch 10 Kronen übrig hat, kann man sich dafür in einem der oberen Stockwerke hinter das Steuer einer Modelleisenbahn setzen. Wenn man 25Kè übrig hat, kann man sich am Imbiss eine Pizza oder einen Sma¾ení Sýr (die tschechische Antwort auf den Cheeseburger) kaufen. In der Straße hinter dem Kotva (Benediktská?) ist der internationale CD-Laden Pohodli.

Vom Namìstí Republiky kann man zu Fuß weiter in die Fußgängerzone, die beim Obecní Dùm und Pulverturm Pra¹ná Brána anfängt: Hier könnte man linksrum direkt die Na Pøikopì runter zum Mùstek gehen, wenn man die extrem touristischen Ecken auslassen will. Geht man stattdessen rechts die Celetná runter, gelangt man direkt zum Staromìstské Namìstí, hierlang wird's teurer.

Von den Ständen am Staromìstské Námìstí kann man einen Abstecher nach Norden in den Jugenstil Boulevard Pari¹ská machen, die eher teurere Geschäfte beherbergt (Parfum und Mode und so). Alternativ kann man vom Staromìstské Námìstí auch in die entgegengesetzte Richtung, d.h. genau gegenüber des Orlojs eine der beiden Gassen runter, und dort in die Ko¾ná abbiegen, wo man in einem hübschen Ritter-Fachgeschäft die Ritterrüstung oder das Schwert seiner Träume kaufen kann. Oder so. :-)
Wenn man dann schon mal in der Gegend der Zelezná ist, geht man weiter zu dem schönen täglichen Markt in der kreuzenden Havelská. In der nächsten Orthogonalstraße, Rytiøská, befindet sich übrigens "der" Gothic-Laden in Prag, wo man hauptsächlich Silberschmuck, aber auch das Buch von diesem La Vey-Typen kaufen kann, dessen Namen ich im Interesse meiner Google-Klassifizierung nicht nennen werde. ;-) Anscheinend wird er von einer Deutschen geführt: http://www.hexe-svara.net

Von der Rytiøská kommt man entweder über die Fussgängerzone Na Mùstku zurück zum Mùstek, oder man geht weiter vorbei am Stavovské Divadlo (Ständetheater) zum Ovocní Trh, wo es einen Eingang zur Einkaufspassage Myslbek gibt. Da kann man durchgehen, auf der anderen Seite des Häuserblocks kommt man wieder in der Fußgängerzone Na Pøikopì raus, genau zwischen Pra¹na Brána und Mu¹stek; für den Rundgang Richtung Mùstek weiter, so kommt man u.a. an den Einkaufspassagen Slovanský Dùm, Broadway, und Èerna Rù¾e vorbei; dann ist man zurück an der zentralen Metrostation Mùstek.

[Hier am Mùstek findet zur Zeit gerade ein Weihnachts-- äh, Ostermarkt statt. Der einzige Unterschied sind traditionell unessbare Ostereier ("Kraslice") statt Christbaumschmuck. Ausserdem bretterte da heute der Prager Halbmaraton durch -- das komplette Vorfeld nur Afrikaner!] :-)

Wenn man am Mùstek ist, geht man gleich weiter zum Vaclavské Namìstí: Dort sind bis runter zum Muzeum auf beiden Straßenseiten viele Geschäfte, angefangen gleich an der Ecke zu Na Pøikopì das Kaufhaus Koruna, mit dem riesigen CD-Laden Bontonland im UG. Ausser sich Musik, DVDs und Poster kaufen, kann man sich dort aktuelle CDs kostenlos an St:anden anhören -- man hat also keine Ausrede mehr, man würde keine tschechische Musik kennen... ;-J In Tschechien produzierte CDs kosten nur halb soviel, und ja, Karel Gott lebt auch noch. Im 1. Stock von Koruna gibt es ein "strange"s kahles amerikanisches Cafe, wo man (ausser Kaffee) nur Donuts kaufen kann.

Die sonstigen Geschäfte auf dem Wenzelsplatz sind eher auf Touristen eingestellt, man sollte wohl keine Schnäpchen erwarten. Nützlich sind hier am Mùstek-Ende des Platzes das tschechische Schuhgeschäft Bat'a (Inlandsprodukte = gute Preise), und die zahlreichen Buchläden: Auch die Tschechen mögen Herr der Ringe, Douglas Adams, Terry Pratchett, und Harry Potter. :-) ERASMUS-Studenten sollten am Eingang auf eventuelle Studentenrabatt-Hinweisschilder achten.
In der Mitte des Wenzelsplatzes dehnt sich die Fußgängerzone übrigens auch Richtung Südwest in die Vodièková aus, in der die Eingänge zur Svìtozo-Passage (super Eisladen!) und zur Lucerna-Passage liegen (Kartenvorverkauf für Konzerte, und supercoole "Vaclavs Pferd mal verkehrt"-Statue!). Praktisch gibt es hier an allen Ecken Passagen und Kaufhäuser, das Krone wird allerdings bis Ende April 2004 noch renoviert. Beim Bummeln am Muzeum und der offiziellen Vaclav-Reiterstatue angekommen, geht man noch ins Kaufhaus Bila Labut' ("Weisser Schwan").

Wer am Muzeum noch viel Zeit übrig hat, kann mit der Tram 11 einen Abstecher in die Vinohradská zum schicken Vinohradský Pavilon machen, oder mit der Metro C zur Metrostation I.P.Pavlova, wo es vom Tylovo Nám. bis zur Jeèná auch noch einige Läden gibt (Mode, Elektro, Imbisse). Von der Jeèna kann an die ©tìpanská wieder hoch zum Wenzelsplatz.

Den Wenzelsplatz geht man dann auf der anderen Straßenseite wieder zurück bis zum Mùstek -- wo sich die Fußgängerzone noch Richtung Südwesten fortsetzt: Westlich vom Mùstek ist das östliche Ende der Narodní Tøida, in der sich u.a. ein Antiquariat, Mode, Imbissbuden, "Mobil Bazar"e, Trekking-Läden befinden. Am größten ist hier ein mit Glasfassaden geschmücktes TESCO-Kaufhaus an der Kreuzung. Kaum hat man sich dort an einer Kassenschlange im EG angestellt, kommen fiese Mitarbeiter, und bringen eine Kiste frischgebackene Brötchen, die man dann natürlich auch unbedingt möchte...

Von der Metrostation Narodní Tøida aus fährt man mit der Tram nach Újezd und Hellichová, wo es (leider etwas weiter gestreut) u.a. Antiquitäten, Bücher (auch Noten), Mode, und Sportgeräte (z.B. "Slivka Sport") gibt -- und unnötig viele Jezulatko-Figürchen.

Ist einem zum krönenden Abschluss nach Luxus zumute, fährt man von Újezd mit der Tram Richtung Süden nach Andìl: Dort ist das Novy Smichov, ein niegelnagelneues superriesen Luxus-Kaufhaus, wo es sogar einen extra Laden nur für Schweizer Schokolade gibt (falls man in Prag mal seiner Ovomaltine-Sucht nachgeben muss).

Ein weiteres großes Kaufhaus soll sich an der Metrostation Èerný Most befinden. Schwierig zu erreichen scheint mir die Markthalle Hole¹ovická Tr¾nice, in der Nähe der Metro an der Vltavská. Letztere kenne ich aber noch nicht.

Lebensmittel: Wie mein Vorgänger Ollie empfehle ich den sehr weitverbreiteten Julius Meinl. Albert ist auch nicht schlecht, aber nicht so häufig. Dort photographiert man am besten die Gebäckabteilung, und schickt die Bilder als Postkartenserie an ERASMUS-Studenten in Edinburgh, muhahaha... >;-) Oft ist Kümmel (Kmín) im Brot, was ich als Kümmel-Süchtige für eine sehr gute Idee halte.
 
2008-08-26 14:39

 
 28.03. 2004: Spazieren /\ 
 
Nachdem wir die völlig überflüssige Sommerzeitumstellung des heutigen Tages gut überstanden haben <gähn>, wollten Hanna und ich am Nachmittag herausfinden, was diese riesige grüne Fläche auf dem Stadtplan gegenüber von Josefov darstellt, Letná. Und kaum waren wir da, fiel mir auch wieder ein, wo ich dieses überdimensionierte Metronom gesehen hatte! Es steht nämlich mitten in diesem Park, und ich habe es sicher von der Paøi¹ská in Josefov aus von unten gesehen. Jetzt waren wir also auf der anderen Seite der Moldau, direkt daneben. Von der Nähe ist es ein wenig uncooler, es quietscht nämlich. ;-)

Der Park ist sehr schön zum Spazieren, auch wenn es dort Millionen von Hunden aller Arten gibt -- und Skateboarder, die hier in Ruhe ihre Sprungtricks üben könnne, und dabei in 70% der Fälle hinfliegen. Dann gab es noch was tolles, wir wussten erst gar nicht, was das ist: Ein rundes Holzhäuschen, aus dem extrem altmodische Musik erklang, hin und wieder lief ein Kind hin oder weg. Ein Puppentheater oder ein Stummfilmkino? Erst kapierten wir gar nicht, was wir darin sahen -- ausgestopfte Pferde, antiquarische Spielautos, Schaukelpferde, und Ritterüstungen?? Dann ging die Musik wieder los, und es stellte sich heraus, dass es ein Antiquitäten-Kinderkarusell war! :-o Cool. Daneben gibt es einen Biergarten im Sommer,wo mich Hanna schon hinzuschleppen angekündigt hat.

Ausser Petøin und Letná gibt es nördlicher noch einen Park, Výstavi¹tì, aber das scheint eher das Messegelände zu sein (Výstava + -i¹tì?). Hanna meinte, dort gebe es im Sommer auch Achterbahnen und sowas, ich hab dort nur ein Kinderkarrusell gesehen. Ausserdem sehe ich dort auf dem Stadtplan ein Planetarium! OK, Výstavi¹tì ist mein Ding! :-) Eine Sternwarte gibt es auch, ©tefániková Hvìzdárna auf dem Petøin, wenn es hoffentlich nicht mehr so bewölkt ist, könnte man da mal hin, zur Zeit sieht man alle sichtbaren Planeten.
 
2008-08-26 14:39

 
 28.03. 2004: Tschechisch 5 /\ 
 
Spracherwerbsselbstanalyse, Teil 5? Was auch immer, nach einen Monat kann ich sagen, dass der 3-Sekunden Effekt (ich muss bei bekannten Dingen mindestens 3 Sekunden über etwas nachdenken, bevor ich es ansatzweise verstehe), immer noch besteht, nur kommt er inzwischen bei mehr Vokabeln zu einem Ergebnis. Bei halbbekannten Wörtern in neuen Kontexten geht das Verstehen schneller (zuvor waren es mind. 3 Min), heute ist mir z.B. beim Lesen eines Plakates aufgefallen, dass "Pra-zdroj" "Ur-quell" heissen muss, wobei aber "Quellenangabe" doch eigentlich immer "pramen" hiess... so wie in... "Staropramen" -- Altquellenbier? Aha! ;-) usw.

Doof ist es, wenn einen jemand mit irgendetwas belanglosem anspricht, z.B. "Jezdi¹?" (fährst Du?) am offenen Fahrstuhl -- "jezdit" ist doch eine Vokabel, die ich schon kenne, warum braucht mein Gehirn dafür so lange? Wenn man da nicht gleich reagieren kann, verpasst man sicher auch Chancen, mal auch unter den Studenten ein paar Bekanntschaften zu machen. Und wenn man nur langsam mitkommt, kann man halt auch schlecht beiläufig in ein Gespräch einsteigen.

Am verständigsten sind auffälligerweise die Ausländer: Nicht nur die chinesischen Händler und eine armenische und eine slowakische Mitbewohnerin, sondern auch die ukrainische Uni-Putzfrau und zwei Halbarabisch-Tschechische Kollegen waren bisher diejenigen, die mit meinem kanakisch-tschechisch noch am geduldigsten waren, und sich Mühe gaben, auch mal was zu wiederholen oder zu paraphrasieren. Die nicht linguistisch interessierte Hälfte der Tschechen akzeptiert mein Radebrechen leidend, aber unbegeistert, mit Tendenz zur Skepsis. Radebrechen heisst übrigens "lámat èe¹tinu" oder so ähnlich. :-)

Offenbar bin ich in der nach der Entdeckerin benannten "Guddi"-Phase: In der greift man entweder die paar Wörter, die man verstanden hat, auf, und wiederholt sie in Frageintonation (aber möglichst anders konjugiert); und wenn man nichts verstanden hat, fragt man irgendetwas selbst formuliertes, was thematisch in den aktuellen Kontext passt, a la, "Meinst du X?"... Seltsam, wie oft man aus dem Kontext Worte versteht, die man gar nicht kennt, und Worte nicht versteht, die man sehr gut kennt.

PS: Ich glaube, ich habe rausgefunden, was Doofnase auf Tschechisch heisst, Honza! Hätte mich auch gewundert, ein Männername (Hans?) auf -a?

PPS: Hä? Ne. Es gibt doch Männernamen auf -a, Jirka oder Ondra z.B. ... Argh.
 
2008-08-26 14:39

 
 28.03. 2004: Essen 4 /\ 
 
Ein weiteres Restaurant, wo man für einen guten Preis (< 100Kè) zentral was zu essen kriegt, ist das "u Knihovny"(?) irgendwo in der Staré Mìsto. Es ist ziemlich klein (und oft voll), dafür ist das Essen echt "echt" tschechisch, und die Bedienung verzeiht einem seine... ERASMUS-tschechische Aussprache, und versucht auch, Tschechisch mit einem zu reden, statt gleich Deutsch oder Englisch. Wie in Italien kostet der Brotkorb etwas, allerdings nur soviel, wie man davon genommen hat, was fair scheint? Ausserdem haben wir gelernt, dass man etwas, das Køen heisst, nicht in grösseren Mengen pur essen sollte, auch wenn es wie geraspelter Käse aussieht... aber ansonsten mag ich Meerettich eigentlich, vor allem auf Schinken.

Kurz bevor Hanna und ich gingen, tauchten dort noch 4 bayrische Biertouristen (äh, Studenten!) auf, die sich in den Seitenstraßen um den Staromìstské Námìstí verirrt hatten, und nur durch Glück bei dem günstigen Preisaushang hängengeblieben waren. Da konnten wir gleich angeben, und ihnen mit der Speisekarte helfen, in der englischen Hälfte stehen nämlich nicht alle Gerichte drin...
Sie waren offenbar zum Partymachen hier, aber dank ihres Katers von gestern waren sie heute ziemlich ruhig und still. ;-) Ich bin mir nicht sicher, ob sie wussten, in welcher Stadt sie waren ("Was gibt's hier so? Da war vorhin so 'ne Brücke"). Wir legten ihnen auf eigenen Wunsch erstmal die drei wichtigsten Vokabeln (Dobrý Den, Ahoj, Dìkuju) und die Besichtung der Burg ("Ähä... Burg...??") ans Herz, aber ich glaube, sie sind wahrscheinlich doch in die Disko gegangen und haben weiter bayrenglisch gesprochen... Wenigstens standen sie nicht auf dem Altstädterring wie die Spanier mit der Gitarre, und wollten noch Geld für ihr Gesinge! ;-)
 
2008-08-26 14:39

 
 29.03. 2004: Metro /\ 
 
Für jemanden, der im Wohnheim in Chodov wohnt, sind die Prager Metros von der Tiefe her auch gleich der Nützlichkeit nach angeordnet:
- Die Rote Metro (C), die man ständig braucht, ist direkt im "ersten Untergeschoss", an manchen Haltestellen sieht man sogar Tageslicht. Sehr praktisch und immer schnell zu erreichen.
- Die grüne Metro (A), die desöfteren ganz nützlich ist, ist schon mit ein wenig mehr Zeitaufwand im zweiten Untergeschoss der Stadt zu erreichen.
- Und die Gelbe Metro (Bäh) ist so tief unten, dass man nicht nur 10 min alleine für die Rolltreppenfahrt und den langen Weg zum Gleis braucht, sondern dass die Erbauer aus gutem Grund die Decken sehr hoch bauen und weiss streichen mussten, damit die Leute keinen tiefseetauchermäßigen Panikattacken kriegen. Ich würde echt gerne mal den Luftdruck messen, ob das nur Einbildung ist?? ;-) Die Gelbe lohnt sich auf jeden Fall nicht für nur eine Haltestelle, nicht nur wegen dem langen Weg runter/rauf, sondern auch weil sie einen langsameren Takt zu haben scheint -- die gelbe Metro wird nicht grundlos "Bäh" genannt. :-6

PS: Nach einem Monat verspürt man den Drang, die Metros optimieren zu müssen: In welchem Wagon x muss ich an Haltestelle Y einsteigen, wenn ich zu Haltestelle Z will, um so nahe wie möglich am Ausgang (bzw. an der * Umstiegsrolltreppe) anzukommen? Hmm...

von XX nach YY -> Waggon
--------------------------
Chodov I.P.P. -> vorne
Chodov Muzeum -> hinten
Chodov Muzeum* -> mitte
Muzeum MaloSt -> hinten?
Muzeum Chodov -> vorne
MaloSt Muzeum -> hinten
MaloSt Muzeum* -> mitte
I.P.P. Chodov -> vorne
to be continued...
 
2008-08-26 14:39

 
 02.04. 2004: Linux-Expo /\ 
 
www.linux-expo.cz

Am Freitag war ich also auf der prager LinuxExpo. War klein und überschaubar (nix Cebit, und nix LinuxTag), und es gab Vorträge. Von denen ich natürlich nicht viel verstanden habe, außer einem, der von einem Polen auf Englisch gehalten wurde. ;-)

Sein linux heisst Aurox - das hat nix mit etwas erhabenem wie Aurora zu tun, sondern mit dem polnischen Aurochsen! :-) Aurox basiert auf Fedora und hat den Schwerpunkt auf Internationalisierung, DAU-Freundlichkeit und RAM-Schonung (Zielgruppe: osteuropäische Schulen, Kleinfirmen, uralt-PC-User). Es enthält nur todsichere (alte) stable-Programme, aber dafür für jede Sprachversion die beliebtesten Custom-Linuxtools des jeweiligen Landes. Auch sie arbeiten gerade an einer live-CD -- seit Knoppix machen das alle. Das erste tschechische Knoppix heisst übrigens Danix (jetzt sogar mit slowakischer Sprachversion! Supi).

Ausserdem gab's Mandrake, was hier am beliebtsten zu sein scheint. Dann hatte einer noch ein plattformunabhängiges (?) Linux names Blue-irgendwas, auf jeden Fall lief es friedlich auf einem iMac und auf einem PC. Auf dem iMac konnte man dann MacOnLinux starten, und darin MacOSX und OS9 benutzen (Mist, hätte ihn fragen sollen, ob die inter-OS-Zwischenablage funktioniert!), und im MacOS kann man dann virtual-PC mit Windoof drin starten, alter Witz. :-)

Sonst nur Internet- und Webhosting-Provider, Spezialhardware (hier sind sogenannte "Stille PCs" gerade in, aber da es so laut war, ist mir ihre Stille nicht aufgefallen). Faszinierend, das es in einem kleinen Land so viele Firmen gibt. ;-)
 
2008-08-26 14:39

 
 04.04. 2004: Radio /\ 
 
Radiohören ist eine gute Methode, um ganz schematisch den Vokativ zu üben: Es rufen Hörer an, und sagen als erstes ihren Namen im Nominativ, woraufhin der Moderator den Namen im Vokativ wiederholt. :-) He... Ich sollte da auch mal anrufen, ich hab nämlich immer noch keinen, schnüff!

Die Tschechische Musik ist generell ziemlich anhörbar, es gibt alles, Cowboy-Truck-Country-Banjo-Musik (OK, ein Musikstil, der mich sprachunabhängig nicht gerade begeistert), Hip-Hop und Rap (klingt extreeem strange auf tschechisch), ;-) und normale Pop-Musik von schnulzig bis nette-Hintergrundunterhaltung. Falls es irgendwo ein total innovative Band gibt, habe ich sie noch nicht gehört, andererseits habe ich nur selten etwas "total schreckliches" gehört. Die Sender spielen eine ähnliche Musikauswahl wie in Deutschland, natürlich ohne die "Bohlen-Superstars". Stattdessen kommen wahrscheinlich die tschechischen "Superstars", die ich nicht erkenne. ;-) Ja, die Sendung gibt es hier auch...
 
2008-08-26 14:39

 
 04.04. 2004: Handy /\ 
 
Das Display ("obrazovka") meines (nach aktuellen Erkenntnissen 5 Jahre alten) "tschechischen" NOKIA-Handys ist jetzt plötzlich viel kontrastreicher und verliert auch keine Zeilen mehr, nachdem ich es letzte Woche einmal ein bisschen total auseinander genommen und wieder zusammengebaut habe. Laut Internet ein bekanntes Phänomen, womöglich werden durch das erneute Zusammenschrauben die leitenden Teile des Displays wieder festgedrückt und haben wieder Kontakt. Aha.

Schraubenzieher heisst übrigens ¹roubovák, falls ihr mal einen braucht, der ist billiger, als sich das "Mobil" für ab 200Kè im "Bazar" reparieren zu lassen (solange der Displaykontrast das einzige Problem ist). Natürlich sollte man danach testen, ob der Lautsprecher richtig sitzt, sonst hört man beim nächsten Anruf selbst nix, aber der Anrufer hört einen über das Schrotthandy fluchen. ;-)
 
2008-08-26 14:39

 
 06.04. 2004: Stromausfall /\ 
 
Boah, cool, hier war grad Stromausfall an der Uni. Aber im Land der Samtenen Revolutionen bleiben alle total ruhig und gelangweilt? Die Obercheffin guckt kurz rein, die Laptopuser reagieren gar nicht (grinsen nur frech), die anderen holen sich 'nen Apfel raus. Niemand panikt rum von wegen, "Dreeeihundert Stunden Arbeit, und niiix gespeichert?!?" Also, mein Zeug läuft ja auf dem IAI-Server...

Unter den Tischen hier stehen so kleine Kästen neben jedem PC, wo ich mich schon immer gewundert habe, was das ist. Die fingen alle plötzlich an, asynkopisch und sinusmässig zu fiepen. Sehr stimmungsvoll... Alle Bildschirme und das Licht aus... Spätnachmittageslicht durch die Fenster... ansonsten nur Laptopdisplaybeleuchtung im Raum... Und dazu "Fiep! Fiepfiep! ... Fiiiiep! Fuup! Fiepfuup!"

Nach 5 Minuten macht es einfach "Zong", Licht und Bildschirme gehen wieder an. Die Leute schmeissen ihre Apfelbutzen weg und arbeiten weiter, als wäre nix gewesen. Häh? Offenbar haben die Heulbojen unterm Tisch aufopfernd und heroisch die Stromversorgung der PCs gerettet! Mein PC war in exakt dem selben Zustand wie vor dem Stromausfall; er war die ganze Zeit an gewesen, nur der Bildschirm war aus. Cool. So 'ne USV will ich auch.
 
2008-08-26 14:39

 
 07.04. 2004: No? No. No! /\ 
 
Ah, endlich! Mein Lehrbuch (*) sagt in der 46. Lektion zu "no": Eine häufige Interjektion zum Ausdruck von Unschlüssigkeit, Überraschung, oder Resignation, in der Umgangssprache häufig als Synonmym für Ja benutzt -- "was Ausländer manchmal stutzen lässt". Ah. Und Eisberge sind schlecht für die Titanik.

Mich wundert gar nix mehr. :-P Ich Chudák steh da, und versuche empirisch eine Bedeutung zu ermitteln, und am Ende heisst es tatsächlich genau das: Ja, nein, vielleicht, naja, hm, ach, öhm, aha, na, kind-a well like you know sort of! Toll, vergesst das Vokabelnlernen, hängt eh alles vom Kontext und der Intonation ab. ;-)

In Wahrheit ist "no" einfach das perfektionierte Hörersignal: Der andere weiss erstens, dass ihr zuhört, und zweitens, egal ob er ein Ja oder Nein erhofft, er kriegt es -- während man selbst die ganze Zeit eigentlich nur unverbindlich "tja" gesagt. Muhahaha, genial... :-)

(*) Das Tschechisch-Lehrbuch heisst übrigens Assimil. Auch wenn die Tschechischlehrerin es (für den Uni-Tschechischkurs) nicht empfohlen hat, finde ich's zum Selbststudium extrem nützlich.
- Es gibt konkrete Phrasen/Idiome in den Lektionstexten, abstrakte Grammatik in den Anmerkungslektionen, plus (z.B. landeskundliches) Hintergrundwissen in den Fußnoten (als Ersatz für den Lehrer).
- Immer 6 Lektionen kreisen implizit um ein paar sprachliche Phänomene (Genitiv, Adverb, etc), die dann in jeder 7. (Anmerkungs-)Lektion explizit gelehrt werden -- und da kommt einem das Muster schon vertraut vor. Der Lerneffekt passiert durch die ständige beiläufige Wiederholung von eigentlich schon mal gelehrtem.
- D.h. man lernt nie freischwebende Tabellen auswendig, sondern jede Vokabel ankert immer in einem Kontext. Der Kontext kann dabei auch ein "merkwürdiger" Comic sein.
- Da man sich ohne Lehrer leicht Falsches einprägen könnte, sind die ersten 50 Lektionen passiv. Man soll nur laut lesen, mit Hilfe der (von mal zu mal freier werdenden) Übersetzung verstehen, und Lückentexte ausfüllen -- die sicherstellen, dass man die Wortstellung nicht falsch machen kann. Erst ab der 50. Lektion beginnt die aktive Hälfte, in der man zusätzlich zur aktuellen Lektion noch zur X minus 49sten Lektion zurückblättert, die tschechische Seite zuhält, und versucht, sie sich mit Hilfe der Übersetzung zu rekonstruieren.
 
2008-08-26 14:39

 
 07.04. 2004: Geheimnamen /\ 
 
Tipp: Bei der Eingabe von Passwörtern an PCs in Tschechien drandenken, dass die Eingabemasken meistens (immer?) auf US-Tastatur eingestellt sind, wohingegen das Betriebssystem und die Tastaturbeschriftung auch Tschechisch sein kann -- während man das Passwort ändert z.B.!
Bisher habe ich wegen falscher Passworteingabe aber erst je einmal meine beiden CIP-Raum-Accounts ("úèet") gesperrt... Ausserdem weiss ich so jetzt wenigstens wer die Admins sind, falls ich mal eine intelligentere Frage als "odblokovani úètu" haben sollte.

Da ich das Passwort am Ende doch nicht benutzt habe, kann ich es ja halb verraten: Ich wollte ein garantiert [wie ironisch] keinem Cracker bekanntes Passwort für mein CUNI-Account. Was wäre also naheliegender, als irgendein (natürlich verfremdeter) unbekannter Eigenname? Ein weiblicher, belgischer Eigename, konkret.
Aber, sagt mir dieser doofe Computer, nö, is based on a dictionary word. Hää?? In was für 'ner abgedrifteten Sprache sollte denn bitte schön "Garance" im Wörterbuch st-- Oh. Hm. Wenn man das Wort jetzt natürlich, sagen wir mal, Tschechisch aussprechen würde... Lateinischstämmige Fremdwörter enden im Tschechischen schon hin und wieder auf -ce... Und "Garantie" könnte schon in ein bis mehreren Wörterbüchern auftauchen... =-] Okeee. Dann halt nicht...

Wenn wir CoLis alle zusammen einreisen würden, hätten wir sowieso ein Problem: Die ersten paar kämen durch, aber die Tschechen finden ja auch "Ruth" schon einen unmöglichen Frauennamen. Bei "Garance" nehmen sie einem wahrscheinlich endgültig das Formular weg, und sagen, "Ja, okay, danke... Erst zwei Ruths, noch dazu ohne "-a", und dann eine Garantie... Schon klar..." -- "Dürfen wir nicht einreisen?" -- "No..." -- "Wie jetzt, ja oder nein??"

PS: Apropos Vornamen: Ein paar gut platzierte cuts, ein grep -v "a$" plus ein sort|unic -c über die /etc/passwd zu jagen ergibt, dass Martin zur Zeit der zweithäufigste Jungenname in Tschechien ist! Gruß an selbigen.
 
2008-08-26 14:39

 
 09.04. 2004: Insiderwissen /\ 
 
Inzwischen war ich auch mal im Cafe Imperial (Na Poøici, noch ein Stück beyond Obecni Dùm), das ja angeblich für seine Donuts berühmt ist. Bevor ich mich aber mit mir einigen konnte, ob man Donut nicht vielleicht doch Doughnut oder Donought schreibt, musste ich feststellen, dass es sich dabei mitnichten um amerikanische Donuts handelt, die die Gäste dort zu ihrem Kaffee geschenkt bekommen, sondern um (zumindest für Deutsche) stinknormale mit Marmelade gefüllte Berliner Pfannkuchen / Krapfen! Auf Tschechisch Kobliha genannt.

Das Cafe Imperial selbst ist ein Extremfall von "Secese" (Jugendstil). Ich will nicht sagen, dass gekachelte Wände kitschig sind, aber wenn das Imperial bei Regen auf dem Kopf stünde, wäre es ein sehr psychedelisches Schwimmbad. Das Louvre fand ich schöner, und auch die Getränke sind dort besser... Außer durch laschen Kakao und "exotische" Berliner bekommen Gäste im Imperial ihren Kick durch die tägliche Bedrohung, die von einem unscheinbaren Angebotskästchen in der Mitte der Speisekarte ausgeht:

Sonderangebot "Saturnin-Schale" 1943 Kronen (60 Euro)
Eine Schale Berliner vom Vortag, die Sie auf die anderen Gäste werfen können. Nur für nüchterne Personen über 21 Jahren. Wir bitten um Vorauszahlung. ACHTUNG! WARNUNG FÜR ORDNUNGSLIEBENDE GÄSTE! Die Schale steht sichtbar auf der Bartheke. Wenn Sie sie dort nicht sehen, verlassen Sie schleunigst das Cafe, oder Ihr weiterer Aufenthalt hier ist allein auf eigene Gefahr.

Saturnin ist, wie mir eine Bekannte von Libor (Helena) erzählte, der Name eines Romans, der diesen... traditionellen tschechischen Brauch initiierte. Er sagt, dass es drei Arten Menschen gäbe, die man an ihrem Verhalten angesichts einer Schale alter Berliner unterscheiden könne: Die erste Gruppe beachtet die Schale nicht weiter; die zweite denkt, hehe, die könnte ich den anderen Leuten an den Kopf werfen; die dritte Gruppe tut es.

Helena ist übrigens wie Libor sehr sprachbegabt (sie konnte auch mindestens Tschechisch, Englisch und Deutsch), und im Gegensatz zu anderen Leute, die über sich sagen, nicht verrückt zu sein, sondern nur so auszusehen, war sie echt sehr nett und lustig. Sie war extrem fähig darin, beim Sprechen mit mir von sich aus immer mindestens drei Paraphrasen mitzuliefern, so dass ich verblüffend viel verstanden habe. Menschen sind sichtlich unterschiedlich begabt darin, Paraphrasen bilden zu können.

Helena hat versucht, mir tschechische Osterbräuche nahezubringen: Männer flechten Reisig zu einer Art Peitsche zusammen; damit diese Rute feierlicher aussieht, kann man noch bunte Kreppbänder dranbinden; damit verhaut man(n) eine Frau, die man mag. Die angemessene Reaktion der Frau ist es, ein Ei auszublasen und in stundenlanger Arbeit mit einem traditionellen Muster zu bemalen; das Osterei erhält hiermit das Recht, Kraslice zu heissen; es ist nicht essbar, und wird von der Frau einem Mann geschenkt, den sie mag. Im Fall von künstlerischer Unbegabung kann man die Ruten und Kraslice auch von professionellen Hohlosterei-mit-Liebesmuster-Anmalerinnen kaufen.
Falls ich das richtig verstanden habe. Tja, und Ihr dachtet, China wäre exotisch. An der Straßenbahnhaltestelle habe ich heute tatsächlich schon einen Mann gesehen, der eine Frau testweise mit so einer Rute gepiekst hat... Deswegen also hat mir meine tschechische Nachieterin in Saarbrücken den Tipp gegeben, an Ostern im Wohnheim die Tür nicht aufzumachen! ;-)

Von Libors Cousine Martina (schon das dritte Glied in der Kette von "Freunden von Bekannten aus Saarbrücken, die zufällig in Prag sind") habe ich gelernt, dass man zu Køen (kleingeraspelter Meerettich) Brotscheiben dazubekommt, weil man daran während dem Essen riechen soll, dann brennt der Meerettich nicht so in der Nase. Funktioniert! Jetzt brauchen meine Augen nicht mehr tränen, und ich muss auch kein Voodoo-Huhn mehr um meinen Kopf schwingen, und kann in Ruhe Køen-süchtig werden.

Martina war zuletzt vor der Wende in Prag, und konnte aus erster Hand von den Veränderungen berichten: Früher war alles langweilig und leer, das einzig bunte und volle waren die Straßenbahnen. Es gab keine Werbung, keine Poster, und nur wenige kleine Geschäfte, die alle dasselbe Einheitszeug verkauft haben, und in den Schaufenstern lag nur liebloses vergilbtes Zeug rum. Die Touristenwege waren das einzige, was regelmäßig renoviert wurde, alles andere war kaputt. Die Touristen fielen zudem auf wie Südseefische in Kartoffelsuppe, da sie die einzigen waren, die individuelle Kleidung hatten. Die Versuche junger Mädchen, sich peppige Westmode aus grellbunten Einheitsblusen zu basteln, waren schätzungsweise nur knapp erfolgreicher als die Versuche, das Prager Jahrhunderthochwasser mit der Drohung einzuschüchtern, es in der Moldau zu ersäufen.
Jetzt erkenne man die Stadt kaum wieder, die Leute seien total modebegeistert, und nicht nur die Nach-Wende-Kinder, die die durch die Renovierungen "neu" entstehenden Gebäude sehen, glauben steif und fest, dass Jugendstil und Klassizismus aktuelle Baustile sind... :-)

Ausserdem habe ich mit einer Simona, einer ins Saarland ausgewanderten Tschechin geredet, (von der ich nicht mehr weiss, wie sie mit wem verwandt oder bekannt ist), die Karel Oliva kennt. ;-) Eines Tages wird rauskommen, dass das Saarland in einem früheren Leben eine Überseekolonie Tschechiens war. Wahrscheinlich sagen deswegen alle "Ahoj".
 
2008-08-26 14:39

 
 09.04. 2004: Essen 5 /\ 
 
... oder: Illegal Abendessen.

Wenn man im Restaurant schnelle tschechische Küche möchte, hält man sich am besten an den Hotovo-Teil der Speisekarte. Dies sind schon vorbereitete Gerichte, die nur noch warm gemacht werden müssen. Und zwar kein Fastfood, sondern Svièkova' (Lendenbraten, Sahne, Knödel), oder "Knedlo-zelo-vepøo" (das Knödelkrautschwein), jeweils mit viel Sauce. Das dumme sind nur die neuen Lebensmittelgesetze, nach denen vorbereitete Gerichte nicht länger als einen halben Tag vorher gemacht werden dürfen. Was praktisch heisst, dass es die "hotova jidla" nur noch bis 14 Uhr gibt. Offiziell. Libor hat einen genialen Trick entwickelt, auch Abends noch seine Tschechische Küche zu bekommen:

Erstens könne man akzeptabel gut bis ziemlich gut Tschechisch. Dann bestelle man ganz naiv etwas aus der nicht mehr gültigen Hotovo-Karte, und reagiere betrübt, wenn es die Abends nicht mehr gibt. Dann setze man einen Rehblick auf, und lasse durchscheinen, wie gerne man ein <einschleim> Tolles Tschechisches Abendessen(trademark) gehabt hätte, und was man denn da tun könnte? Der Wirt geht daraufhin nachdenklich in die Küche, und sieht dort (hoffentlich) im Kühlschrank noch die restlichen Teller, die er heute Mittag nicht mehr rechtzeitig losgeworden ist... Da es ja wie oben erwähnt Teil des Plans ist, nur gut, aber nicht perfekt Tschechisch zu sprechen, steht man außer Verdacht, ein Tester der Lebensmittelbehörde zu sein -- und so lässt sich da plötzlich doch "was machen"... :)

Typisch für die Restaurants sind übrigens die Strichlisten, die der Ober immer auf dem Tisch liegen lässt, wo notiert wird, was wie oft bestellt/schon bezahlt wurde. Wenn Du also ins Restaurant kommst, und einer sitzt da wie ein Schluck Wasser in der Kurve, und vor ihm ein Zettel mit 7 Strichen und sonst nichts, wundere Dich nicht -- Striche ohne Bezeichnung sind per Default Bier.
 
2008-08-26 14:39

 
 12.04. 2004: UNIX /\ 
 
Krass. So 'ne UNIX-Vorlesung bräuchten wir in Saarbrücken auch. Kann man für den Typen Untertitel kriegen? Wenn ich alles verstehen würde, wäre ich sicher schon der ultimative Hacker... Ihr kennt das ja, pipes, chmod, cut, sort, grep, eigentlich genau das, was wie in Saarbrücken in den letzten 5 Jahren gelernt haben -- als Stoff der ersten zwei Monate. Danach:

Wusstet Ihr z.B., dass stinknormale FTP-Clients eine Macrosprache besitzen? Steht groß und breit in der Man-page. In der Übungsgruppe sollten wir ein Shellskript schreiben, das, je nach Eingabe-Argumenten Macro-Dateien dynamisch erzeugt, FTP startet, die dir-Listings vergleichet, und dann irgendwas nach bestimmten Kriterien rauf- oder runterlädt.

Oder wusstet Ihr, dass Shellskripte ihre Prozess-ID kennen, und auch die der Subprozesse, die von innerhalb des Shellskripts mit & dahinter gestartet wurden? (Variablen $$, $!, $?) Das Skript kann z.B. seine Subprozesse oder sich selbst mit kill abschießen, wenn etwas zu lange dauert. Versucht man, sich die Prozess-ID des letzten Subprozesses mit "echo $?" ausgeben zu lassen, bekommt man allerdings immer nur die ID von dem "echo"-Prozess... ;-P (Lösung: $? erst an eine Variable binden, dazu wird kein Prozess gestartet.)

Das Kommando "find" entpuppte sich auch zur Eierlegenden Wollmilchsau: Man kann nicht nur Dateien nach verschiedenen Kriterien suchen (Name, Rechte, Typ) und diese Pfade ausgeben oder löschen lassen, sondern man kann mit der ausgegebenen Liste im Endeffekt alles machen, kombiniert man sie mit "-exec" oder "|xargs" (mit "{}" kann man auf das gefundene zurückgreifen). Garance hat damit ja auch schon rumexperimentiert. Die Kommandos "which" und "wheris" sind übrigens nur aliase auf "find"-Ausdrücke.

Oder ihr kennt doch die Shell-Tests (man test), die man z.B. für if-Verzweigungen benutzt? Es gibt davon doch die alternative Schreibweise, die Argumente mit Leerzeichen zwischen eckige Klammern zu schreiben (ist lesbarer). In UNIX basieren alle Befehle auf dem System von Kommandoname und Argumenten, wie implementiert man also diese Alternative am einfachsten? Man definiert "/usr/bin/[" als Hardlink auf "/usr/bin/test", und ignoriert das letzte Argument, wenn es "]" ist.

Mit dem Kommando "trap" (man bash) kann man definieren, wie Skripte während des Laufens auf Signale vom User, wie z.B. Strg-C oder Strg-\, reagieren sollen. Und im Allgemeinen weiss man ja, dass es sowas wie STDIN und STDOUT und - und Pipes gibt, was man damit nicht alles anstellen kann: Z.B. Um das aktuelle Verzeichnis eben mal kurz ohne scp auf den Mond zu schießen, verwendet man schlicht "tar cf - . | ssh mond tar xf -". Kurz, prägnant, effizient. :-)

Wenn man wirklich feine Shellskripte schreiben möchte, sollte man sich definitiv die Unterschiede zwischen Apostrophen, Akzentzeichen, Anführungstsrichen, eval und expr verinnerlichen... 8-| Es gibt sehr wilde Unterschiede in der Interpretation, z.B. wann Wildcards aufgelöst werden: Der Ausdruck "x=*;echo $x;" gibt zwar die Liste aller Dateien aus, x enthält aber trotzdem nur den Stern! (Christian hat schon einmal versucht, mir das zu erklären...)

Das ist also der UNIX-Einführungskurs. Ich möchte nicht wissen, was in der eigentlichen UNIX-Vorlesung gemacht wird...

PS: He, da fällt mir ein alter Witz ein: Definiert mal eine Funktion, z.B. mit dem Namen ":", nach folgendem Schema ":(){:;:};:" ... >:-D (aber bitte vorher alles speichern und "sync"en!)
 
2008-08-26 14:39

 
 19.04. 2004: Park(en) erlaubt /\ 
 
Als Tourist sieht man von Prag erst mal die stark befahrenen Plätze und Straßen, drumherum graue Mauern und Hauswände. Dass dahinter z.T. ganze Parks versteckt sind, merkt man erst nach 2 Monaten. :-o Einer davon, Frantiskánská Zahrada, ist mit etwas Geschick über die Svetozor-Passage zu finden, er verbindet den Wenzelsplatz mit dem Jungmannovo Nam.

Den zweiten Geheimpark, Valdstejnská, haben die meisten Touristen zwar von der Burg aus gesehen; nur wenn man wieder unten beim Malostranské Nám. ist, findet man den Eingang nicht. Praktischerweise hat mir einer der Prager CoLis, der zufällig im Wohnheim nebenan von mir wohnt, auf dem Weg zur Uni den Eingang gezeigt: Der Trick ist es, beim Verlassen der Metrostation Malostranska nicht nach links Richtung Zivilisation (Würstchenbude, Straßenbahn, etc) zu gehen, sondern erst raus und dann gleich rechts, durch eine bisher unsichtbare Tür in einer Wand -- so wie in diesem Kinderbuch von Annegret Fuchshuber, kennt das noch wer? :-)

Man sollte sich auch nicht von der polizeilichen Bewachung dieses Ortes abhalten lassen, man wird durchgelassen. Das ist nur prophylaktisch, damit die ganzen Botschafter und Politiker in den Senatsgebäuden drumherum nicht die Parkbesucher aus den Fenstern werfen und so. Dieser Park war der erste, den ich kenne, der nicht nur Skateboard- und Hundeverbot, sondern sogar ein explizites "Waffen verboten"-Schild am Eingang hat. Wie jetzt, und überall drumherum laufen die Tschechen den ganzen Tag mit Pistolen herum, oder wie? (aber echt, Pistolen samt ihrer Bezeichnung sind eine tschechische Erfindung.)

Ansonsten geht es im Valdstejnská aber eher unpunkig ab. Die Bäume stehen if and only if in geraden Reihen am Wiesenrand. Alle Äste sind isomorph und gleichlang. Die Wiesen sind in parallelen Streifen exakt 18,5mm hoch gemäht. Die Springbrunnen sprühen parabelförmig Wasser. Die Fische im Teich werden jeden Abend nach Farbe und Größe sortiert, mischen sich aber jede Nacht versehentlich wieder, weil es da dunkel ist. Die Statuen stehen in symmetrischen Reihen auf eine überdachte Halle hin ausgerichtet, in der im Sommer bestimmt Kanons gespielt werden (weil: Kanon is' symmetrisch).

Dann findet man etwas skandalös unregelmäßiges Graues, das wie eine Kerzenwachstropfenplantage mehr als eine komplette Parkwand überwuchert. Man sieht den Designer des Gartens regelrecht vor sich, beim Brainstorming: "Nu, Tropfsteinhöhlen sin' gerade in; aber dummerweise Glücksache. Künstliche Tropfsteinhöhlen sin' billig, aber out; die kann ja jeder haben. Was allerdings nicht jeder hat, ist eine... <kreativ in der Luft herumfuchtel>... künstliche Open-Air-Tropfsteinhöhle!! <irres kichern>" Ontologisch eine absolute Innovation. Man weiss echt nicht, ob die Wandhaftigkeit oder die Tropfsteinhöhligkeit überwiegt. Wenn man sie sich genauer ansieht, entdeckt man in den Schnörkeln immer irgendwelche witzigen Dinge, Schlangen, (gefakte) Höhleneingänge, dumme Gesichter, Eulen... Oh wart mal, die Eulen sind echt.

Wenn Euch in all der blühenden rechten Winkel mal jemand aus einer Ecke heraus mit "aa-UU!" anschreit, dann ist das kein Botschafter, dem ihr auf den Fuss getreten seid, sondern der prager Pfau vom Dienst. Er heisst Páv und hat einen Harem, für den er im Frühling Räder schlägt und tanzt (Film folgt hoffentlich). Für die Touristen übrigens auch, er scheint da was überzuinterpretieren.

Der Eingang von der anderen Seite ist schwerer zu finden, weil man erst (wieder an der Polizei vorbei) über einen Innenhof des Senats am Valstejnská Nam. muss, und dort die richtige Tür finden. Alles in allem ein schöner "Schulweg" für Mathematisch interessierte.
 
2008-08-26 14:39

 
 29.04. 2004: Essen 6 /\ 
 
Die nächste Mensa zur MFF befindet sich auf der anderen Seite des Flusses, hinterm Nationaltheater (damit die Studenten zumindest mal Kultur von außen sehen). Die Organisation der Mensa ist übrigens, sagen wir, eine interessante Semesteraufgabe für die Vorlesung "Optimierung II":

Am Semesterbeginn bekommt man (auch als ERASMUS-Student) einen Briefumschlag mit Essensmarken. Sie sind mit scheinbar sinnlosen Zahlen versehen, aber sie funktionieren wie eine Währung (1 Essen = 1 Einheit), man bekommt auch Rausgeld in Form von Marken. Ach ja, und wer glaubt, dass man für die Essensmarken etwas zu essen bekommt, irrt sich. Für die Marken bekommt man an der Kasse der Mensa einen noch kleineren Papierschnipsel. Damit die Marke der Kassiererin nicht davonfliegt, beschwert man sie dabei mit 25 Kronen (< 1 Euro).

Mit dem Mini-Schnipsel stellt man sich an der Essensausgabe an, wo man sich eines von im Optimalfall drei Gerichten aussuchen kann ("Reis, Knödel oder Knödel"). Dazu gibt es Tee, Suppe, und ein kuchenähnliches Quaderchen auf einem weiteren kleinen Stück Papier. So man denn nicht den Kuchenunterlagenschnipsel mit dem Kassenschnipsel verwechselt, gibt man letzteren dem letzten Mensamitarbeiter ab, und sucht sich einen Platz, wobei man von den Kollegen über den Haufen gerannt wird, die mit der linken Hand ihr Tablett abgeben, und dabei mit der rechten das Besteck und mit der dritten die Teller einsortieren.

Kurz, die Mensa hinterm Theater hat die Atmosphäre einer Zip-Datei, alles sehr gedrängt, aber wenigstens schnelle Übertragung. Das Essen ist günstig, aber nicht so gut wie in tschechischen Restaurants oder in der Saarbrücker Mensa (über die man echt nur sehr selten klagen kann), aber es ist überlebbar, oft hat man Glück, und erwischt was gutes. ;-)

Wenn man als MFF-Mitarbeiter (leider nicht als Student) brav war, bekommt man von der Sekretärin übrigens auch Lebensmittelsmarken (stravenky), habe ich beobachtet. Sie sind mehr wert, als man selbst dafür bezahlt, und man kann sie in Lebensmittelläden oder in der MFF-Cafeteria ausgeben (leicht redundant finde ich die Schilder "Lebensmittelmarken gelten nur für Lebensmittel!"). Möglicherweise ist das eine schlaue Methode, die Preise für die Touristen hoch halten zu können, aber zugleich sicherzustellen, dass die Einheimischen nicht verhungern?

Ein kleines Cafe/Restaurant in der Nähe der Mala Strana MFF gibt es übrigens ein paar Schritte von der Tram-Haltestelle Svandivo Divadlo entfernt. Es heisst Labyrinth und liegt links von dem Theater an der Ecke. Es gibt dort Eisbecher für 60 Kronen (2 Euro), große Salate oder Steaks vom Grill für 70-80 Kc (2,50 Euro), und Kaffee für 32 Kc (1 Euro). Teurer als die MFF-Cafeteria, aber akzeptable Preise für die Touri-Ecke, wenn auch das Eis leider nicht gerade Mövenpick ist. Die nette Mischung "Steak, Eis, Salat" weckt in mir irgendwie Assoziationen von streitenden Pärchen, wo der Mann in ein Restaurant mit was "gescheitem zum Mittagessen" will, die Frau will aber nur "was Süßes... oder einen Salat". :-)

Aus irgendeinem Grund hatten sie da heute statt "heißer Schokolade" "weiße Schokolade". ("horká" und "bilá" klingen sich überhaupt nicht ähnlich, daran kann's nicht liegen). Also im Endeffekt weiße warme flüssige Schokolade. Spannend. Der Ober war flott und aufmerksam, der einzige echte Haken an dem Laden ist, dass er direkt an der Straßenbahn liegt, die doch einen ziemlichen Geräuschpegel hat. :-(
 
2008-08-26 14:39

 
 29.04. 2004: Hockey /\ 
 
Wenn man einem Tschechen vorgestern in der Metro in die Zeitung gelugt hat, verstand man, was diese ganzen Touristen mit den bescheuerten bunten Gewändern und den komischen Papierhüten und den überdimensionierten Gummihänden wollten! Und warum es extra Durchsagen an der Metrostrecke in Richtung des Stadions gab, man solle keine Glasflaschen, Trommeln, Pfeifen, und Alkohol, u.a. mitnehmen:

Deutschland hat gestern in Prag gegen Tschechien verlo-- also, gespielt. In der Eishockey-Weltweisterschaft! Ich wusste nicht einmal, dass Deutschland überhaupt ein Team hat... Bei Tschechien ist das ja klar, das hier ja der Nationalsport. Kurzgesagt, Deutschland hatte wahrscheinlich keine Chance, und hat nur der Form halber mitgespielt? In den deutschen Online-News ist Eishockey irgendwie nur unter "ferner liefen"... Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn in den Vor-Interviews des deutschen Teams der Ausdruck "Klitzekleine Chance" benutzt wird? =-)

Vorm Wohnheim stolperten sich gestern abend auf jeden Fall nachts zwei einsame leicht angeheiterte deutsche Studenten über den Weg, und tanzen, und sangen unter dem Grinsen der Tschechen "Ein (1) Tooor! Ein Tor ein Tor ein Tor" auf die Melodie von "Ole Ole"... Die Ansprüche im deutschen Hockey scheinen... nicht so sehr hoch. Positiv denken ist alles: Wenn ich das recht mitgekriegt habe, stand es die meiste Zeit unentschieden 1:1, bis die Tschechen dann anscheinend am Schluss aus Langeweile noch 4 Tore reingesemmelt haben. Und plötzlich verstehe ich auch, was diese ganze "Èe¹i do toho!" bedeutet, auf Deutsch übersetzt heisst das "Hopp Schwyyz!". Odd'r?
 
2008-08-26 14:39

 
 01.05. 2004: EU /\ 
 
Argh. Ich hatte mir ja schon mal die Frage gestellt, was die Tschechen und Slowaken von der EU halten, ist das gut für sie, egal, schlecht, all of the above? Heute lese ich in der Zeitung, dass es in Slowakien Hamsterkäufe gegeben hat, nachdem jemand das Gerücht verbreitet hat, das Reis, Zucker, und Salz unbezahlbar teuer werden würden... In Tschechien rechnet man auch zumindest mit einem krassen Preisanstieg aufgrund neuer Import-Gesetze. <In fast leeren Zuckerstreuer guck> Mist, hätte doch noch schnell Zucker kaufen sollen, Paaanik!

Außerdem haben alle blaue Luftballons mit gelben Sternen, nur ich nicht. Das ist nicht nett.

PS: Also bis jetzt sind die Preise noch nicht spürbar teurer.
 
2008-08-26 14:39

 
 04.05. 2004: Mondfinsternis /\ 
 
Schick. Vor meinem Fenster ist gerade die angekündigte Mondfinsternis. Irgendwie juckt das keinen, Mondfinsternisse sind doch ständig, nicht? Aber rechnerisch sind sie angeblich sogar seltener. Man sieht halt eine Mondfinsternis gleich auf dem halben Planeten, und das mehrere Stunden lang, wohingegen man einen Sonnenfinsternis immer nur für Minuten auf einem schmalen Streifen beobachten kann. Es gibt eigentlich ständig Sonnenfinsternissse! -- Im Ozean, in der Antarktis... ;-)

Hehe, die Adaption des Auges ist schon was lustiges. Vor einer halben Stunde habe ich den Mond noch auf Anhieb klar gesehen, photographieren geht allerdings schwierig, man findet ihn fast nicht im Sucher. Inzwischen isser wech. Man kommt auf den Balkon, guckt 5 Sek treudoof den schlagartig leeren Himmel an, und zack, schalten die Augen um, und plötzlich sieht man ihn doch wieder.

( Apropos "der" Mond und "die" Sonne. Weiss irgendwer, warum die Rollenverteilung ist Deutschland da genau umgekehrt ist wie im Rest der westlichen Welt? Kinder zeichnen die Sonne als lachende Frau, und den Mond als alten Mann. Obwohl ich den umgekehrten Fall eigentlich auch nicht unplausibel finde. )
 
2008-08-26 14:39

 
 08.05. 2004: Kleinkram /\ 
 
Inzwischen haben mir mehrere Tschechen versichert, das Èeèko genau so wenig die Verniedlichungsform des Buchstabens C sein könne, wie jednièka die von "jeden" (eins), da beide Bildungen völlig normale erwachsenen Substantive seien, wie im Deutschen z.B. "der Einser". OK, vielleicht klingen sie ein wenig so, weil sie zufällig genauso wie der Diminutiv gebildet werden -- aber das hat nichts zu bedeuten!! M-hmm... In Schwaben und der Schweiz sind Pferdle und Rössli auch ganz normale Substantive. =-)

Eine Tschechin vom International Club (kann mir mal jemand verraten, warum die alle fließend Deutsch können? Wie soll man so Tschechisch lernen...) hat mir sogar eine Anekdote erzählt, die beweisen sollte, dass die Tschechen in Wirklichkeit gar nicht alles immer unbedingt verkleinern müssten: Irgendein Cousin oder so hat sich, als er als Kind für voll genommen werden wollte, geweigert, irgendetwas zu benutzten, was auch nur im entferntesten nach Diminutiv klang. Dadurch entstanden interessante Übergenerierungen wie "jabl" (jablko=Apfel) oder so... Die anderen Beispiele habe ich vergessen, aber sie waren alle ungefähr so sinnvoll wie im Deutschen Eichhörn, Mäd oder Plätz zu sagen. :-D

Ich frage mich, ob es parallel zu den Regeln zur Verkleinerung (Verniedlichung) auch Regeln zur Vergröberung (Vergrässlichung) gibt? Es gibt z.B. Hündchen, Hund, Köter: psièek, pes, psisko. Aber ist das nur mit Hund so, oder geht das mit allen Wörtern?

Haha, ertappt: Laut meinem Lehrbuch können im Tschechischen sogar von Adjektiven und Adverbien Diminutive gebildet werden, desweiteren sogar Diminutive von Diminutiven (strom, stromek, stromeèek: Baum, Bäumchen, Weihnachtsbaum!). Ich spreche korrekterweise also nicht "trochu" (ein wenig) Tschechisch, sondern "tro¹ku", wenn nicht sogar "tro¹ièku"! Es chlyses bitzli, würde man in der Schweiz wohl 1:1 übersetzen?

PS: Preisfrage: Wie nennt ein Tscheche ein Objekt, dass 100'000 Mal größer als der Planet Erde ist? "Slunièko", Sönnchen! :)
 
2008-08-26 14:39

 
 15.05. 2004: Kino, Oper, Musik /\ 
 
Da zwar viele, aber noch nicht alle Englisch können, gibt es hier auch ziemlich viel tschechische Popmusik, und tschechische Musicals (mit berühmten Stars wie Lucie Bílá! Oder so.), bzw wie bei uns auch Übersetzungen von englischen Musicals. Wie mir versichert wurde, ist z.B. die tschechische Fassung von Jesus Christ Superstar bei weitem besser als das Original. :) Die tschechische Fassung von Falcos "Jeanny" verleitet die Tschechen allerdings zu der Annahme, es könnte auch in dem Originallied um schnöden Hosendiebstahl gehen, weil Jeanny wie Jean(s) mit tschechischer Pluralendung -y klingt...

Im Vergleich zu Deutschland, wo es 1 guten inländischen Film pro Jahr gibt, wenn man Glück hat, gibt es hier anscheinend genausoviele beliebte tschechische Filme wie ausländische in den Kinos. Tschechische Musicals gibt es zur Zeit zu den Themen Galileo Galilei ("Ein Musical voller 'Stars'" -- Ha. Ha.), und Exkalibur. Letzteres schwimmt auf der Lord of the Rings Welle mit, so wie die jungen Leute, die hier mit weiten Klammotten und Schwertern zwischen Rücken und Rucksack herumlaufen... Ein Tschechischer Informatiker hat mir einen Tonmitschnitt von einer TolkienCon gegeben, wo 2 Jungs den Herrn der Ringe in 20 Minuten zusammenfassen -- auf Tschechisch gesungen, als Mini-Musikal. Das Publikum findet's witzig. :)

Apropos tschechischer Humor: Gerade hängen hier so Werbeplakate aus, auf denen der Kinofilm "èesky sen" ("ein tschechischer Traum") beworben wird. In den Hauptrollen: "Die Bürger der Tschechischen Republik". Auf dem Bild: Zwei typische Tschechen, die den Betrachter ernst und super unschuldig anschauen, und sichtlich gerade erst einer Lynchjustiz entgangen sind. Der Werbeslogan sagt über sie: "Sie fälschten ein Einkaufszentrum. Sie lockten tausende Leute an. Warum? Die erste tschechische Kino-Reality-Show." Ein Einkaufszentrum fälscht man übrigens, indem man eine riesige regenbogenfarbige leere Wand auf einem Messegelände aufstellt, und dann in ganz Prag aggressiv Werbung für die "Neueröffnung" macht. Die Anwohner fanden das Auftauchen des "Gebäudes" über Nacht offenbar nicht seltsam. (Aber fragt Tschechen nicht, was sie von Èeský Sen halten, die antworten dann nur genervt "Ooooooh..." und beteuern dann, dass sie davon nur wissen, weil die Mutter der Freundin jemanden kannte, der da war...) Also, falls ihr mal ein goldenes Nichtschen bestellen wollt: www.ceskysen.cz.

Außer kulinarisch für Bier und Essen, und kulturell für Dvoøak, Smetana und Kinderfilme, ist Tschechien ja auch noch für seinen Nationalsport Eishokej bekannt. Also, zumindest unter Leuten, die sich für Sport interessieren. Dementsprechend wäre es auch nicht verwunderlich, wenn es dort ein Musical aus dem Themenbereich Eishokej gäbe, nicht? Aber nein, es gibt keines. Das neue Stück "Nagano" über den Sieg der Tschechen in der Eishokej-WM in Japan ist selbstverständlich eine ausgewachsene Oper, und angeblich eine ernste dazu. Seit Frühling 2004 im Stavovské Divadlo -- wenn ich nicht wüsste, dass ich weder von tschechischen Opern noch von Eishokej ein Wort verstehe, würde ich ja hingehen.

PS: Die Tschechen haben die Eishokej-Weltmeisterschaft 2004 natürlich wieder gewonnen -- wenn vielleicht auch nicht offiziell... Offiziell schien es so, als wären sie ganz haarscharf in der letzten Minute einer Vorfinalsrunde rausgeflogen. Und offiziell schien es auch, als hätte das Team aus Kanada dieses Jahr das Finale gewonnen. Aber, da ja Tschechien wiederum in der allerersten Runde haushoch gegen Kanada gewonnen hatte, ist natürlich klar, wer der wahre Sieger ist, nicht...? ;-)

PPS: Apropos Kinderfilme: Erwachsene Männer sagen hier auf offener Straße bei Verwunderung tatsächlich "Jé!", genau wie der Maulwurf! Man lernt also ausser "Ahoj" doch noch eine zweite reale Vokabel daraus, auch wenn die meisten Kinder sich in diesem Alter noch nicht sicher sind, ob nun Maulwürfe tschechisch, oder Tschechen maulwurfisch sprechen.
 
2008-08-26 14:39

 
 21.05. 2004: Tschechisch 6 /\ 
 
Irgendwie lernt man Sprachen tatsächlich grob in der selben Komplexitätsreihenfolge, wie die Linguistik aufgebaut ist, also Phonetik--Syntax/Morphologie--Semantik--Pragmatik:

Anfangs ist man froh, wenn man Laute wiedererkennt, z.B. das Ø kann man ziemlich gut erkennen, auch wenn man es nicht selber sprechen kann. Für einen Anfänger ist es schon mal ein Erfolg, durch Hören herauszufinden, wie etwas geschrieben wird, um es nachzuschlagen. (Tipp: CH alphabetisch hinter H suchen tut wahre Wunder.)

Dann, wenn man sich an die typischsten Lautfolgen und ein paar sehr häufige kleine Wörtchen und Endungen gewöhnt hat, erhöht sich zugleich die Chance, Wortgrenzen zu erkennen. Ich weiss allerdings nicht, ob man zuerst Endungen an ihrer Häufigkeit erkennt, und daran dann Wortgrenzen, oder ob man die Wortgrenzen an der Intonation erkennt, und daran die Endungen. Wäre mal interessant, herauszufinden.

Wenn man dann mal einzelne Wörter als solche erkennt (schierer Luxus!), erkennt man auch bald einzelne Phrasen, NPs und APs, mit etwas Phantasie auch mal PPs, oder kürzere VPs. Ob man sie auch versteht, ist was anderes, aber man hat jetzt wenigstens Mal eine Chance, etwas zu verstehen zu versuchen. Die Bedeutung von einem unbekannten Wort zu raten ist schließlich leichter, wenn man die Wortart schon raten konnte. ;-)

Die Konjuktionen erkennt man auch relativ schnell wieder, aber wenn ein Satz eine Konjunktion enthält, ist er gewöhnlich für einen Anfänger zu lang, um ihm noch folgen zu können: Man erinnert sich entweder an den ersten oder den letzten Teil, oder drei Wörter dazwischen -- so wie das "Fenster", dass das eine neuronale Netz bekommen hat, als es englisch lernen sollte. Bei kurzen Sätzen rät man sich so mit Hilfe des Kurzzeitgedächtnisses durch, das sich den Klang des Gehörten noch die drei Sekunden merken kann, die man braucht, bis das Gehirn alle Vokabeln nachgeschlagen hat. Ich kann meinem Gehirn beim Tschechischvokabeln suchen regelrecht zuschauen, so lange dauert das. ;-) Über Pragmatik kann ich nix schreiben, soweit bin ich noch nicht. =-)

An phonologische Unterschiede gewöhnt man sich aber relativ schnell, z.B. findet man es bald beinahe schon logisch, dass aus -ka -ce wird, oder aus -ha -ze, und ähnliches. Die nächste Ebene dauert schon länger, wie Phrasen (z.B. [TsoCHtsäsch]) richtig zu segmentieren -- als Deutschmuttersprachler tendiert man zu [TsoCh Tsäsch], aber richtig wäre [Tso CHtsäsch] = "Co Chce¹" = "was du willst"!

Das frechste in der Phonologie ist allerdings "das flüchtige E", das bei völlig anderen Wörter wieder Asyl beantragt! :-o Was hat z.B. "Pes" ("Hund") bitte mit [Spsäm] zu tun? Na Klar, "s psem"="mit dem Hund"... Jo, warum sollte man das auch "pesem" aussprechen, das wäre ja auch zu naheliegend... ;-) Der Umgekehrte Fall: Man kennt "Matka"="Mutter", aber was ist "Den Matek"? Im Genitiv Plural ("Muttertag") des einen Wortes kommt das verschwundene E von dem anderen reuselig zurück! -- Es hat mir tatsächlich ein Tscheche erklärt, dass müsse so sein, weil man schliesslich zuviele Konsonanten nacheinander ("Matk") nicht aussprechen könne... Mh-Hmmm... ;-)

Aber das mit den vielen Konsonanten gehört auch zu den Dingen, an die man sich gewöhnt. Wie mein Bruder nach zwei Tagen Prag fast enttäuscht feststellte: "Die schreiben einfach die 'Schwa's nicht, weil sie das E schon für das Ä brauchen!"

Apropos dem Gehirn beim Vokabeln nachschlagen zusehen: Man sieht auch den Tschechen das Backtracking an, wenn man sie mit "mittelrichtigem" Tschechisch anlabert... :-P
 
2008-08-26 14:39

 
 30.05. 2004: Gaiman was here /\ 
 
Vor 3 Wochen hat jemand meine Fakultät und auch sonst noch zahlreiche Orte in Prag mit einer Suchanzeige plakatiert: Das Bild einer langhaarigen jungen Frau mit der Überschrift "Haben sie dieses Mädchen gesehen?"

VIDÌLI JSTE TUTO DIVKU?
SLY©Í NA JMÉNO DOREEN. KOU©E A
KOPE. UTEKLA. DEJTE NÁM VÌDÌT,
POKUD JSTE JI VIDÌLI. CHCEME JI ZPÌT.
ODMÌNA.
Pan CROUP & Pan VANDEMAR
Telefon ...-...... (...-DOREEN)

Auf den ersten Blick eine normale Suchanzeige. Aber irgendwas kam mir daran total unheimlich vor. Bin nur beim Kuckuck nicht draufgekommen, was. Am ersten Tag konnte ich den Zettel aus vokabeltechnischen Gründen ja noch nicht einmal vollständig entziffern. Einen habe ich dann mal mitgenommen, und ein paar Wörter nachgeschlagen -- da war die Sache noch unheimlicher, denn von der Formulierung her ist der Text nämlich extrem harsch, als würde ein Tier gesucht: "Hört auf den Namen Doreen. Beisst und tritt. Entlaufen ... Wir wollen sie zurück. Belohnung."!

In dem Moment, wo ich den Zettel am nächsten Tag Ondøej zeigte, ob er damit etwas anfangen konnte, zerbrach das Brett vor meinem Kopf: Doreen, Croup, und Vandemar! Natürlich, das sind drei der vier Hauptrollen aus Neil Gaimans Neverwhere!! Soviel zum Thema, was mir daran unheimlich war... Warum hängt jemand ein Zitat aus einem Fantasy-Thriller mit dem Photo eines echten Menschen in eine echte Uni?? Wenn das ein Scherz sein soll, würde ich mich ja "bedanken": Croup und Vandemar sind in dem Roman nämlich zwei unsensible Kopfgeldjäger, die Door (alias Doreen) ausschalten sollen... 8-|

Spannend. Das einzige, was ich darüber herausfinden konnte war: Dass a) niemand eine Ahnung hat, was das bedeutet, und es auch keinen interessiert. b) Dass der betreffende Teil der tschechischen Übersetzung des Buches auf der Webseite des hiesigen Verlages steht. und c) Dass die Telephonnummer existiert -- leider ist nur ein anonymer Anrufsbeantworter mit tschechischem Text dran gewesen. Irgendwie konnte ich mich vage erinnern, dass mich eine Doktorandin vor einem Monat völlig out-of-context gefragt hat, ob Doreen ein deutscher Name sei [harsch = deutsch??], aber die Frau war in der letzten Zeit nicht da, so dass ich sie nicht fragen konnte. Auch auf meine SMS an die Nummer mit der Frage, ob es sich dabei um eine Werbeaktion eines Neil Gaiman-Fanclubs handle, bekam ich keine Antwort... :-(

Tja, das war's dann wohl mit der Lüftung des Geheimnisses. Als ich es also nach einigen Wochen aufgeben wollte, um mich stattdessen über die seltsamen Kunst-Gebilde zu wundern, die in letzter Zeit im Stadtzentrum auftauchen (nein, ich meine nicht die Aktionen zum Tag der Kinder!), bekomme ich plötzlich heute doch eine SMS-Antwort:

Jemand bedankt sich für die Teilnahme an seiner kleinen "Studie", und dafür, dass man ihm beim Gewinnen einer Wette geholfen habe. Die Belohnung sei eine Einladung zu der Kunstausstellung auf dem Wenzelsplatz. Gezeichnet: Doreen, die Croup und Vandemar längst abgeschüttelt hat. :-)

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Nur, was ist denn da bitte die Zielgruppe, wieviel Leute hier kennen Neil Gaiman, geschweige denn dieses englische Buch, geschweige denn erinnern sich an das Zitat, UND haben noch Lust, ihre Zeit mit literarischem Schattenboxen zu vergeuden? Wie viele Leute sollen denn da zu den Künstlern auf den Wenzelsplatz eingeladen werden?? So á la "Herr Gaiman, ich habe Ihr Buch gelesen!" -- "Ach, Sie waren das!" ;-P Naja, Gaiman selber kommt ja gar nicht. Schade eigentlich.

 
2008-08-26 14:39

 
 04.06. 2004: Metro /\ 
 
Seit der Story über den gefälschten Supermarkt bin ich ein wenig misstrauisch. Vielleicht werden hier auch Metrostationen gefälscht? Zuzutrauen wäre ja alles... ;-) Auf jeden Fall: Man latscht müde zur Metro, schaut automatisch und gewohnheitsmäßig auf das Endstationsschild (weil manche Stationen gleich aussehen, nur spiegelverkehrt -- sicher ist sicher) und will wie immer Richtung Nádra¾i Hole¹ovice.

Und was is? Is nix Hole¹ovice. Da steht "Ládvi". Was ist ein Ládvi? Ist das ein neuer persönlicher Rekord im Falschen Erwachen ("Ich habe geträumt, ich bin aufgewacht und aufgestanden")? OK, das lässt sich leicht dadurch überprüfen, indem man versucht den Rest des Schildes zu lesen -- wenn man das nicht kann, weil der Text sinnlos ist oder sich ändert, weiss man, dass man träumt. (vgl. http://www.lucidity.com/LucidDreamingFAQ2.html#realitytest)

Und außerdem -- irgendwo muss der olle Hole¾ovice ja hinsein, ne? Also, lesen: Die Haltestelle links von dem mutmaßlichen "Ládví" heisst... "Koblihy". Hö?? So heissen Berliner Krapfen auf Tschechisch... Das ist eher ein Hinweis darauf, das ich wohl doch träume. Oder Hunger habe, und mich verlesen habe. Ab dem zweiten Blick bleibt der Name sehr konstant "Kobylisy". Ah, gut. Das ist schon besser, von so einem Stadtteil habe ich wenigstens schon mal gehört. ;-) Und jetzt kommen endlich auch Hole¾ovice und die anderen Haltestellen, die man so braucht.

Worauf ich hinaus will: Wenn Euer Reiseführer sagt, Ihr sollt in der roten Metro (C) in die Richtung Nádra¾i Hole¹ovice fahren -- dann müsst Ihr höchstwahrscheinlich ab Mitte Juni 2004 Richtung Ládvi.
 
2008-08-26 14:39

 
 08.06. 2004: John Lennon /\ 
 
Juhu, ich habe sie gefunden: Die streng geheime super versteckte Pilgerstätte von John Lennon in Prag! Wo die sein soll? Auf der Mala Strana, fast direkt an der Karlsbrücke! Die wenigstens Touristen kommen auf die Idee, die paar Schritte um die Ecke zu gehen, da sind nur ganz wenige Leute. Und man entdeckt sie fast nicht einmal, wenn man sie explizit sucht...

Den Ort findet man, indem man von der Malastrana-Seite der Karlsbrücke aus links (nach Süden hin) läuft, und dann rechts (nach Westen) abbiegt über die Brücke eines kleinen Baches. Hat man sich jedoch schon auf die Mostecká gewagt (die touristische Straße zwischen Karlsbrücke und Malostranské Námìstí), folge man der Lazenská. Von der anderen Richtung (Straßenbahn Hellichova / Jezulatko-Kirche) geht man die Prokopská runter, über den Maltezské Námìstí (Malta ist überall!) -- in beiden letzteren Fällen kommt man zu einer sehr alten Kirche (Maria-Präposition-Substantiv), an der man rechts in eine unscheinbare Strasse abbiegt.

Der Platz heisst Velkopøevorské Námìstí, und ist überhaupt nicht Velko-, sondern eher sehr harmlos, still, und von Bäumen überwuchert. Das man richtig ist, erkennt man an einem schicken grossen Gebäude mit einer französischen Flagge (Botschaft?). Wenn ihr vor der Trikolore steht, müsst Ihr Euch um 180 Grad drehen, die Pilger-Mauer liegt im Schatten der Bäume.

http://de.news.yahoo.com/040616/286/42rx1.html

Angeblich begann alles damit, dass jemand an diesem versteckten Ort ganz frech "Wir haben Lennon, behaltet Lenin" oder sowas an die Wand gekrakelt hatte... Obwohl das Grafitti jahrzehntelang mehrmals übermalt wurde, tauchte das regenbogenfarbige Lennon-Bild regelmässig auf mysteriöse Weise wieder auf... An seinem Todestag treffen sich dort angeblich Hippies mit Rotweinflaschen und Gitarren, aber das ist zum Glück noch ein halbes jahr hin. :-)
 
2008-08-26 14:39

 
 27.06. 2004: Fußball /\ 
 
Jaja. Wenn man im Eishockey verliert, muss man es halt mit Fußball versuchen. Gilt für die Deutschen wie für die Tschechen. Für erstere nur peinlich, dass sie so früh ausgeschieden sind. Gegen die Tschechen. Nachdem der tschechische Trainer die neun besten Spieler eine Woche in Urlaub geschickt hat. Einen Tag vor dem Spiel gegen Deutschland. Weil die sich schon mal für das Viertelfinale ausruhen sollten... Ich könnte mir vorstellen, dass das das deutsche Team ein wenig nervös gemacht haben könnte: Ein Gegner, der schon für die Runde danach plant, und für den das deutsche Team nur 85% Ersatzspielern wert ist?? Au weia. ;-)

Dann bringt Sport auch noch schöne neue Spiele mit sich wie das allzeit beliebte "rate am Gegröle der Wohnheimbewohner, welches Team in welcher Sportart gerade gegen wen mit wieviel Toren gewonnen/verloren hat". Also: An der Frequenz der Schreie zählt man den Punktestand. Am Ton (hoch oder tief/fallend), für welche Seite das Tor war. An einer Mischung aus Dynamik (Lautstärke) und "Akzent" des Gegröles, das Land: Anhand der Bevölkerungsdichte wird für das tschechische Team von mehr Leuten, und daher lauter gejubelt, knapp gefolgt von den Slowaken; andere Nationalitäten erkennt man an der Sprache, in der sie "singen". Die aktuelle Sportart erkennt man allerdings nicht akustisch, sondern visuell an den Titelseiten der "Blesk" in der Metro.

Mein aus den obigen Regeln abgeleiteter Tipp für Sonntag (Tschechien gegen unbekannt, 3:0 oder 2:1) war sogar richtig, 3:0 gegen die Dänen! Und das, ohne das Spiel gesehen zu haben, da spart man doch viel Geld. ;-)

Das slowakische Eishockey-Lied kann ich inzwischen schon auswendig (Heja, heja, heja Slovensko). Das tschechische Fußballlied konnte ich nicht verstehen, weil alle nach dem Spiel auf dem Hof Singenden so angeheitert waren, dass sie nicht mehr "'schechisch a'diguli'än" konnten. ;( Den Schlachtruf "Scheschi!" (Èe¹i) bekamen sie gerade noch so hin, der Rest des Liedes war in etwa "lä bä fä ... Schess-ssgoo! *hicks*"
 
2008-08-26 14:39

 
 29.06. 2004: Schein oder nicht Schein /\ 
 
Muhaha, ich habe einen tschechischen Schein bekommen! LOL! Für den Java-Programmierkurs, wo der Dozent am Ende gesagt hat, wer einen Schein will, soll halt einfach irgendein Java-Programm schreiben (wo natürlich die im Skript genannten Funktionen angewendet werden), und ihm als eMail schicken.

Irgendwas? Irgendwas kann er haben. http://www.ruthless.zathras.de/facts/apps/planetris/index.php

Ich dachte, der rechnet mein Programm (eine sehr farbenfrohe Tetris-Mutation in Form eines Applets) nie im Leben an, weil ich den Hauptteil in den letzten vier Tagen vor Abgabeschluss zusammengehackt hatte, und einen kleinen Bug hat es immer noch... Aber er fand es total lustig, er hat sogar gelächelt, also nein, das hat er in den letzten 5 Monaten nur einmal für 0,75 Sek gemacht. ;-)

Die Vorlesung war inhaltlich zwar sehr interessant und v.a. für tschechisch-Anfänger gut verständlich, weil gutes Skript und langsam und deutlich vorgetragen, aber der Typ war schon eher... phlegmatisch. Die Tschechen um mich rum sind reihenweise eingeschlafen... ;-) Am Ende kamen immer weniger, er guckte schon beinahe traurig -- das wäre sein dritter Gesichtsausdruck nach "treuherzig", wenn jemand eine Frage stellt, und "harmlos", während er das Skript vorliest... äh, ausformuliert.

Ein Schein/Leistungsnachweis heißt übrigens Zapoèet und sieht aus wie ein Heftlein bzw. eine Tabelle mit winzigen Kästchen. Der Dozent muss seine Lesebrille rausholen, und seinen Kugelschreiber spitzen, die richtige der (nur mit Abkürzungen beschrifteten) Spalten identifizieren, und dann möglichst winzig in eines der Tabellenfelder "angerechnet" oder so krakeln, und dann noch seine Unterschrift und das Datum -- auf 2 qcm auch auf Seiten der Dozenten eine beachtliche Leistung.
 
2008-08-26 14:39

 
 26.10. 2004: Zusammenfassung /\ 
 
Achja, ich wollte ja noch "einen Schlusssatz" zu meinem ERASMUS-Aufenthalt in Prag schreiben!

Die Leute, mit denen man redet, machen den Haupteindruck eines Landes aus. Bei mir war der Eindruck zweigeteilt zwischen super nett und distanziert: Die Prager gingen nicht nur auf einen zu, weil eine "Sitte des oberflächlich Harmonie erzeugenden Smalltalks" es fordern würde, sondern halt nur, wenn sie wirklich Interesse hatten. Sie waren hilfsbereit und höflich, aber unaufdringlich. Angeblich wird viel hinter dem Rücken gelästert (das ist ja in Deutschland auch nicht anders?), ;-) aber man merkt wenigstens nichts davon, und Fremde werden nicht angestarrt, sondern einfach "sein gelassen".

Spürbare Unterschiede gab es darin, mit Pragern einerseits und Ausländern oder Halbtschechen andererseits ins Gespräch zu kommen. Ich habe mich noch nie zuvor so nett und ausführlich mit Chinesen, Finnen, Slowaken, Armeniern, Australiern und arabischstämmigen unterhalten wie in Tschechien! Vor allem Slowaken (Erkennungszeichen "Hej!") sind witzig, sie texten einen zu, dann sagt man, "Halt halt, ich kann vielleicht eben mal Tschechisch!", dann sagen sie "Ja, das ist normal." -- und reden einfach weiter slowakisch. :-) Die einzige gemeinsame Sprache ist nun mal meist Tschechisch, so lernt man eine Sprache natürlich am besten.

Unter den Pragern gab es natürlich auch ruhmreiche Ausnahmen, v.a. Studenten, die selbst einen Austausch mit Deutschland gemacht hatten, und andere sprachinteressierte Leute (CoLis/Linguisten, übersetzer, Sprachlehrer, eine Schülerin, die ein Sprachtandem machen wollte, Leute mit Verwandten in Deutschland). Ein paar wenige Verkäufer gaben sich Mühe, für Ausländer extra langsam und primitiv Tschechisch zu sprechen, im Gegensatz zu anderen Leuten (wie z.B. Kassiererinnen), die eine Verständigung unter diesen Umständen gar nicht erst versuchten.

Ich schreibe absichtlich Prager statt "Tschechen" allgemein, da es ja --ebenso wie in anderen Hauptstädten-- gut sein kann, dass die Leute außerhalb der Hauptstadt alle anders und viel lockerer sind, aber ich habe nur mit einer unrepräsentativen Menge Nicht-Pragern geredet.

Betreffs Lehre kann ich sagen, dass die Prager CoLi- und Informatikvorlesungen sehr qualitativ schienen. Man könnte gegenargumentieren, dass ich gar nicht soviel verstanden haben kann, um das Niveau zu erkennen. ;-) Aber ich meine, die Vorlesungen waren deswegen gut, weil sogar die wenigen Dinge, die ich als Tschechischanfänger in den UNIX-, C/C++-, und Java-Kursen (auch mit Hilfe der Skripte und Tafelanschriebe) verstehen konnte, mir sehr viel gebracht haben, ich habe tatsächlich was dazugelernt. Aufgrund des hohen Sprachniveaus würde ich allerdings behaupten, dass man als Nicht-Muttersprachler Kolloquien/Seminaren und Vorlesungen ohne Skript nur schwer folgen können wird. (Diese Leute machen Sätze, da freut man sich über jede Konjunktion!) ;-)

Die Übungsgruppenleiter waren sehr hilfsbereit, sobald sie gemerkt hatten, dass ich eine Austauschstudentin bin, und erklärten mir vieles nochmal auf Englisch -- v.a. nachdem es mir dank Educated Guessing ein paar mal gelungen war, den Eindruck zu erwecken, ich hätte die Erklärung schon größtenteils auf Tschechisch verstanden. ;-)

Alles in allem komme ich zum selben Schluss wie die meisten, die einen Auslandsaufenthalt gemacht haben, nämlich, dass es sich auf jeden Fall lohnt. Es ist die ideale Art, eine Sprache zu lernen, und es ist spannend, sich mal in eine neue Situation einzuleben.
 
2008-08-26 14:39

 
   
2008.08.26

http://www.ruthless.zathras.de/